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Kolumne 5/2014

Foto: istockphoto.com/dk_photosDie Älteren werden sich erinnern: Vilnius liegt unweit von Königsberg.

Urlaub auf der Atomraketenabschussbasis

Auf dem Bauernhof. Auf der Yacht. Auf der Bergspitze. Das sind in der Regel Sehnsuchtsorte, wo der ausgepowerte Arbeitnehmer mit seiner ausgepowerten Arbeitnehmerin und den ausgepowerten Schulkindern einen Flowerpower-Sommer verbringen möchte. Am einfachsten geht das mit dem Flugzeug, weil: Fliegen kann man eigentlich überallhin. Leider nicht in die eigene Region, was auch erklärt, warum ­regionale Ferien so selten sind.

In unserem Planungsstab „Entspannter, aber auch auf­­regender Sommerurlaub“ gab es Stimmen, die meinten, die ­Buchung eines Fluges nach Kreta mit Ferienwohnung, Mietwagen und Yacht dauere nur fünf Minuten. Da war was dran. Aber andere Stimmen, die sich dann glücklicherweise wegen der Abstimmungsverhältnisse durchgesetzt hatten (erwachsene Stimmen zählen dreifach), waren der Meinung, wir seien eine Familie, die es nicht einfach haben, sondern orginell sein wolle. Besonders orginelle Eltern sind für Kinder bekanntlich oft sehr peinlich, im Sinne von schmerzhaft. Deshalb ging es auch dieses Jahr nicht mit dem Flugzeug an den Strand, sondern mit einer komplexen Verknüpfung der Verkehrsmittel Automobil, ­Eisenbahn und Omnibus zur Atomraketenabschussbasis.

Sie müssen zugeben, dass Ferien auf der Atomrakentenabschussbasis ganz schön orginell sind. Unbedarft wie Sie sind, werden Sie beispielsweise gar nicht wissen, wo man diese findet. In Österreich, meinem Lieblingsland, leider nicht. Da wäre ich so gerne hingefahren, weil ich vom Vorarlberger Tourismusminister einen Gutschein für einen Apfelstrudel zugeschickt bekommen habe. Wegen der letzten Kolumne, in der ich Vorarlberg in den höchsten Tönen lobte. Die Vorarlberger haben also Humor, aber keine Atomraketen. Und deshalb fuhren wir nach Litauen. Hier die Stationen unserer Osteuropareise: nach Berlin (Lupo), nach Warschau (Polnische Eisenbahngesellschaft PKP), nach Vilnius (Fernbus Simpelexpress), nach Plunge (Litauische Bahn).

Viele Bekannte hatten von Berlin und Warschau bereits gehört, auch wenn diese irgendwo irre weit im Osten liegen. Die Unbekanntheit der litauischen Hauptstadt ist dagegen verblüffend, und ich kenne nur einen Wolfgang, der Plunge kennt. Ehrlich gesagt, ich kannte es auch nicht, aber Wolfgang hatte von der Atomraketenabschussbasis geschwärmt. Und so standen wir unter der Erde, in einem Betonsilo in Plokštinė bei Plunge im herrlichen Naturpark Žemaitija, wo früher mal die sowjetischen Atom­­­raketen mitsamt Personal auf den Anruf aus Moskau warteten. Diese waren unter anderem auf ein Land mit dem Namen Westdeutschland gerichtet, das unsere Teenager nur vom Hören­­­sagen kennen.

Dennoch waren sie in der Kommandozentrale mehr als beeindruckt. Die Grenze zu Weißrussland und Russland ist nämlich nicht weit und die heutigen Ängste der Litauer begreifbar. Das Militärische hatte übrigens einen ungewollt positiven Nebeneffekt: Die Natur rund um die Atomraketen am herrlichen Plateliai-See war Sperrgebiet und ist deshalb heute umso wilder.

Ich fand die Blockhütte toll, die Sauna, das Springen in den ­kalten Fluss. Kleiner Haken in den Augen der „digital natives“: keine Internetverbindung. Merke: Im Urlaub kann man es nicht immer allen zu jeder Zeit recht machen. Ausnahme: Vom barocken Vilnius waren alle begeistert wegen super Architektur und super Verbindungen, in jedem Café gratis online. Sogar auf der Straße. Tipp: Wer jüngere Reisende wirklich glücklich machen möchte, der nehme den estnischen Bus zurück nach Warschau. Nicht nur gratis Wifi, sondern auch ein individuelles Filmprogramm die ganze Nacht durch. Leuchtende Augen mit Ringen waren der Dank.

Martin Unfried

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fairkehr 4/2016

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