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Kolumne 3/2014

Foto: kuturkrumbach/Entwurf A. BrodskyModerne Baukunst: Internationale Architekten gestalten Bushaltestellen aus Holz.

Von Mellau bis ge Schoppernau

Wir verstehen Eure Wut!“ plakatierte die FPÖ in malerischer Vorarlberger Landschaft in der Nähe von Schoppernau. Das liegt übrigens in der Nähe von Bezau. Bezau wiederum ist nur fünf Kilometer von Bizau entfernt. Kurz vor der Europawahl war ich noch auf Reisen in meiner herrlichen Heimat Österreich. Nein, ich bin keiner, aber Österreich gehört für mich einfach dazu. Das hat zwei Gründe: Wie ein Amerikaner Colorado eben auch zu seiner Heimat zählt, fühle ich mich überall daheim, wo der Lissabonner EU-Vertrag gilt. Das zeichnet den Verfassungspatrioten aus. Und zweitens hat meine Liebe für Austria mit 1870 zu tun. Ich war als Württemberger entschieden gegen die kleindeutsche Lösung mit Preußen. Was habe ich mit den Piefkes zu tun? Da fühle ich mich doch mentalitäts- und dialektmäßig den Vorarlbergern näher und komme immer wieder gerne in den Bregenzer Wald.

Für Unwissende: Das ist die Westcoast of Austria, mit heftigen Gipfeln und langen Stränden. Bis auf die FPÖ-Plakate ist hier alles supi. Schon die Buhaltestellen des Landbusses sind aus schickem Holz gezimmert und eine architektonische Augenweide. Das ist nämlich Teil der Vorarlberger Schule, weil hier die besten Holzarchitekten wirken. Auch „heuer“ waren die Holzfenster, die Pelletheizung, die Holzdecken und unbearbeiteten Dielen in dem renovierten Wälderhaus in Schröcken vom Feinsten. Schröcken ist übrigens schröcklich schön und liegt auf 1500 Meter.

Warum ich das erwähne? Ich habe mit Begeisterung gelesen, dass einer der bekanntesten niederländischen Kolumnisten immer einen neuen Volvo fuhr, und zwar für umme. Er hatte nämlich in seinen Kolumnen ganz nebenbei und recht charmant die Liebe zu Volvo beschrieben. Anscheinend bekam er auch teure Klamotten, weil er nebenbei einige niederländische Schneider lobend erwähnte. Das finde ich ein prima Geschäftsmodell. Also: Der Bregenzerwald Landbus 40a fährt in meinen Augen die spektakulärste und faszinierendste Alpenstrecke Europas, wenn nicht von der ganzen Welt. Das Interieur ist edel und die Sitze sind lecker. Wer in Dornbirn einsteigt, kann bis zum Pass in Warth durchrauschen, und zwar in schickem Gelb. Die Busfahrerin, die uns fuhr, war die sanfteste und gut aussehendste Busfahrerin von ganz Österreich. Trotz der 349 Kehren wurde mir nur unwesentlich schlecht. Wie man eine Haarnadelkurve mit folgender Steigung von 20 Prozent überhaupt so elegant nehmen kann, ist mir ein Rätsel. Der Landbus hält übrigens in Mellau und fährt dann weiter bis Schoppernau.

Von „Mellau bis ge Schoppernau“ ist zufällig auch der Hit der weltbekannten, super Crossover-Blasmusik-Groovie-Band „HBMC“, die aus der Gegend kommt. Die hatte zufällig auch in Andelsbuch ihre neuste Videopräsentation. „The Westcoast of Austria“ heißt das neue Meisterwerk, was auch erklärt, wo mei­ne ganze Inspiration herkommt. In Andelsbuch steht nebenbei bemerkt auch die neue, filigrane Werkhalle der regionalen Handwerker. Mit einer geilen Holzdecke. Und jetzt kommt das Aller-, Allertollste: Wer mehr als drei Tage ein Hotel oder eine Wohnung bucht, bekommt die Bregenzer Waldcard geschenkt und darf mit der Seilbahn in Bezau bei Bizau zum Gipfel hochfliegen. Der Apfelstrudel oben im Panoramarestaurant ist formidabel. Wenn mir der Vorarlberger Tourismusminister für meine literarischen Verdienste ein Frei-Abonnement für genau diesen Apfelstrudel mit Vanillesauce anbieten würde, könnte ich aus Höflichkeit sicher nicht nein sagen.

Jetzt aber doch noch ein Wermutstropfen in Sachen Product-Placement: Unsere Reise begann in Maastricht als Abschiedstour unseres geliebten Drei-Liter-Lupos, der nach all den Jahren immer noch einen Verbrauch von 3,8 Litern erreichte. In der Nähe von Köln verreckte das Getriebe. So fuhren wir zu einem Autoverleiher, dessen Name ich jetzt nicht erwähnen möchte. Gott sei Dank hatte er morgens um 7.30 Uhr einen Mietwagen für uns. Es war ein Renault Scenic Benziner. Meine lieben Teenager waren zwar happy wegen der minivan-mäßigen Beinfreiheit. Mich dagegen befiel beim Tanken ein schröcklicher Blues: 8 Liter Verbrauch. Hallo Renault: Den möchte ich nun bitte nicht geschenkt. Dann lieber ein ganzes Leben im Landbus 40a. 

Martin Unfried

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fairkehr 6/2016

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