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Kolumne 2/2014

Foto: Marcus GlogerWarum nicht mal eine Amsterdamerin zur Berliner Bürgermeisterin wählen?

Flüge, Fahrräder, Emotionen

Heute aus gegebenem Anlass nochmals ein Wort zu guten und schlechten Fluggründen. Kritische Leserinnen und Leser haben mir angesichts eines Fluggeständnisses – Dienstreise nach Riga – vorgehalten, meine Ausreden seien Schall und Rauch und eine Menge Kohlendioxid. Wer will, der könne auf das klimaschädliche Fliegen ganz verzichten. Das ist ein edler Standpunkt, den ich respektiere. Allerdings war ich letzte Woche noch einmal ohne Reue mit dem Flugzeug in Lettland im Dienste der dortigen Regierung, die im Moment die EU-Präsidentschaft 2015 vorbereitet. Angesichts der Ukraine-Krise bin ich auch froh darüber, dass jeden Tag lettische, ­litauische und estnische Beamte nach Brüssel fliegen. Die ehemaligen Sowjetrepubliken sind bekanntlich Teil unserer Heimat, der Europäischen Union, und sie müssen die gemeinsame EU-Gesetzgebung täglich in Brüssel mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen von Angesicht zu Angesicht verhandeln. Das finde ich groß-artig! Lang lebe die EU und lang lebe das Europäische Parlament! Natürlich ist der Kaftstoffverbrauch für einen solchen innereuropäischen Flug nicht ohne. Etwas langsamere Propellermaschinen können übrigens ­bereits heute eine wesentliche Einsparung bringen. Ich flog in einer Bombardier Turboprop, die 30 bis 40 Prozent weniger Sprit braucht als vergleichbare Jetmaschinen. Ich bin mir der Zielkonflikte in Sachen Klimaschutz weiterhin bewusst. Doch neben Slowfood könnte auch Slowflight eine interessante ­Bewegung werden.

Kommen wir zu einem weiteren Vorteil der EU, diesmal aus deutscher Sicht: In anderen Ländern gibt es tatsächlich ­Experten, die wissen, wie man gute und innovative Radwege baut, was bekannterweise in DE nur begrenzt der Fall ist. In diesem Bereich behaupte ich wiederholt und trotz aller Anfeindungen: Auch in deutschen Vorzeigestädten wie Münster, Freiburg oder Bad Wildungen ist noch einiges zu tun, und die Situation in Stuttgart, Berlin und Frankfurt ist weiterhin deprimierend. Woran aber liegt es? Kultur, Gesetze, Finanzen oder Know-how?
Ein Blick in den „Fahrrad-Monitor 2013“ zeigt, dass Auto- und Radgesellschaft einander emotional nicht ausschließen. Die Lektüre der Studie (www.sinus-institut.de) kann ich nur empfehlen, wegen mancher Über­­­ra­schungen: Das sozial-ökologische ­Milieu fährt lustigerweise weniger Rad im Alltag als die Liberal-Intellektuellen, sogar weniger als die Hedonisten. Ist eigentlich einleuchtend, weil Radfahren Spaß pur ist. Allerdings tragen die Hedonisten weniger oft einen Helm.

Das Fahrrad hat insgesamt bis in die Mitte der Gesellschaft an positiven Vibrationen gewonnen, woraus die Politik endlich schließen könnte, dass gute Radpolitik nicht unbedingt Stimmen­verluste bei Wahlen bedeutet. Was ist dann also das Problem?
Alle Milieus vereint die Vorstellung, dass die Politik den Radwegebau stimulieren sollte. Leider wissen die wenigsten, was es dazu braucht: Nur sieben Prozent wünschen sich eine bessere Ausbildung der Fachleute in der Verkehrsplanung. Meine These ist jedoch: Es mangelt in DE insbesondere an ­Experten in der Fachplanung, die das Rad integral mitdenken. Sonst wären die Radwegeklöpse, die ich immer wieder befahren muss, gar nicht möglich. Auch hier ist der Austausch in der EU eine feine Sache – wir könnten von den Besten lernen. Wer einen Blick in aktuelle Studien wirft, merkt schnell: Wenn es um Kreisverkehre, Abstellplätze und innovative Schnelltrassen geht, wird eigentlich immer auf niederländische Projekte ­verwiesen (Broschüre „So realiseer je een snelle fietsroute“). Weshalb ein Basissprachkurs zum Verständnis dieser Lingua franca schon mal gut wäre. Die niederländischen Innovationen kommen übrigens aus der Verwaltung und den Fahrrad-„Thinktanks“.

Natürlich können deutsche Verkehrsplaner mal nach Utrecht geschickt werden, für ein Verwaltungspraktikum. Ich möchte sogar anregen, dass vor der Einstellung in ­Minis­terien sowie in der Gemeindeverwaltung ein niederländisches Jahr Pflicht sein sollte. Für Minister übrigens auch. Und warum nicht mal einen Amsterdamer zum Berliner Bürgermeister wählen?

Martin Unfried

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fairkehr 6/2016

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