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Kolumne 1/2014

Foto: iStockphoto.de/Jürgen2008Das Autofahrervolk: Inländer ist, wer ein deutsches Kennzeichen hat.

Autodeutsche

Seit Jahren lebe ich in den Niederlanden, aber so viel Erregung habe ich noch nie erlebt: Da gibt es in Deutschland eine harmlose, neue Regierung und die Niederländer sind geschockt. „Verdomme!“, rufen meine sogenannten Bekannten entrüstet. Und beschimpfen mich, einen harmlosen Schwaben im Exil, nachts um halb drei sogar als vermeintlich Mitschuldigen. Henk schreit: „Seid ihr Deutschen denn wahnsinnig geworden? So was könnt ihr doch nicht machen? Das ist unverschämt, unzivilisiert und populistisch!“ „Ja zeker, Henk“, entgegne ich, „nog een pilsje?“

Nun, Grund der Aufregung ist natürlich weder die deutsche wirtschaftspolitische Doktrin zur Rettung des Euros noch die bayerische Diffamierung von fleißigen osteuropäischen EU-Bürgern, die von ihrem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch machen. Beides winkt der Mainstream in NL elegant durch. Nein, was als schlimme Verletzung der niederländischen Menschenrechte gesehen wird, ist die verdammte Autobahnmaut für Ausländer. Das ist Diskriminierung pur und gefährdet Tourismus, Handel, Industrie, Kultur, gute Nachbarschaft und den eigenen Skiurlaub in Oostenrijk.

Ich muss zugeben, auch mich hat der bayerische Vorschlag einer Autobahnmaut für Ausländer in eine tiefe Identitätskrise gestürzt. Ausländer? Wer ist hier „wir“ und wer „ihr“? Ja, in NL bin ich immer noch ein „Allochtoon“. Das ist nach meiner ­Definition jemand, der sich trotz aller Integrationsbemühungen nicht an das schlabberige Brot gewöhnen kann und folgerichtig keinen niederländischen Pass bekommt. Deshalb darf ich beispielsweise trotz erheblicher steuerlicher Zuwendungen an die Staatskasse „unser“ Parlament nicht wählen. Dagegen durfte ich „euren“ deutschen Bundestag wählen, dessen Sitz bekanntlich irgendwo jwd an der polnischen Grenze liegt. Was ich aber sicher nicht wollte, ist die Schnapsidee, mich selbst zum Ausländer zu machen und für „unsere“ deutsche Autobahn in ­Zukunft zu zahlen!

Das ist der eigentliche Skandal der avisierten Autobahnmaut: Das Konzept des Staatsbürgers wird ad absurdum ­geführt. Ich als deutscher Verfassungspatriot Habermas’scher Prägung wäre nämlich als sogenannter Ausländer mit einem niederländischen Wohnsitz und Kennzeichen zum Zahlen verdammt. „Verdomme!“ ist tatsächlich hier der richtige Begriff.

Wohingegen jeder in Aachen wohnende Usbeke, Rumäne, ­Togoer, Bajuware oder gar Niederländer gratis und für „umme“ über den deutschen Asphalt brettern dürfte. Ich befinde mich identitäts- und zahlungstechnisch in einer sehr unvorteilhaften Situation. Leider kommt, wenn die Maut kommt, die Fahrt nach Karlsruhe zum Verfassungsgericht aus Kostengründen nicht in Frage.

„However“, wie der große niederländische Philosoph Johan Cruijff zu sagen pflegte, „ieder nadeel heb zijn voordeel“, übersetzt: „Jeder Nachteil hat sein’ Vorteil“. Der Originalsatz hat übrigens tatsächlich erhebliche Grammatikschwächen, weshalb ich einem echten Niederländer dann doch wieder sehr ähnlich bin.

Der Vorteil der Autobahnmaut ist nun der folgende: Mit der Etablierung des Konzeptes der „Autonation“, des „Autofahrervolkes“, des „Autofahrerdeutschlands“ löst sich die Bundes­­­republik endlich vom engen Blut- und Bodenverständnis des Nationalen und Völkischen. Inländer ist nach der neuen CSU-Definition, wer ein deutsches Kennzeichen hat. Das ist durchaus ein postmoderner Nationenbegriff. Kleiner Zusatzvorschlag: Sollten EU-Bürger mit einem deutschen Auto aus deutscher Fabrikation in diesem Sinne nicht auch als Autodeutsche gelten?

Martin Unfried

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fairkehr 3/2016

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