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Kolumne 6/2013

Foto: iStockphoto.de/s-dmitLiebe verleiht Flügel – und einen ­Fluggrund.

Fluggrund: die EU und die Oberleitung

In den bitteren Zeiten des Klimawandels braucht es für jeden Flug einen guten Grund. Grundlos fliegen sollte im Reisebereich, in Anlehnung an die Arbeitswelt, immer mehr die Ausnahme werden. Ich bin im Moment dabei, eine Enzyklopädie verschiedener Fluggründe zu schreiben. Denn den gelegentlichen Debatten im Bekanntenkreis fehlt ein bisschen der Überbau. „Du, ich werde übers Wochenende nach Mallorca fliegen, weil ich mit meinem spanischen Bekannten Alfonso, einem Ökowinzer, solidarisch gegen den Massentourismus demonstrieren möchte.“ Sie sehen an diesem kleinen Beispiel, dass die moralische Bewertung eines vorgetragenen Fluggrundes manchmal gar nicht so einfach ist. Solidarität mit den eigenen Freunden ist immer ein redliches Anliegen, doch es kann auch zu Widersprüchen führen. Daher wird es Zeit für eine etwas gründlichere Fluggrunddebatte.

Nehmen Sie mich. Ich gestehe, auch ich lebe mit Widersprüchen. Der Grund: Für einen passionierten Nichtflieger bin ich dieser Tage ganz schön viel mit dem Flugzeug unterwegs. „Ja, da schau an!“, werden Sie sagen, „dieser miese Unfried.“ Moralapostel, Ökospießer, Fleischverbieter! Uns den Spaß am Benzinmotor verderben, aber jeden Flieger nehmen, den er kriegen kann. Sie haben Recht, mein Flugverhalten ist auch im Angesicht meiner beinahe erwachsenen Kinder, denen ich ­bisher sämtliche Urlaubsflüge vorenthalten habe, erklärungsbedürftig. Welchen abgrundtiefen Fluggrund kann ich also anführen, der die Emissionen meiner Flüge nach Riga, Lettland, Wert sein könnte? „Dienstlich“, könnte ich sagen. Ich bin nicht als Privatperson geflogen, sondern im Auftrag eines ­Arbeit­­gebers, da ich eine Familie ernähren muss. Nach dem Spritschleudermotto: „Ich mache ja nur meinen Job!“

Das machen die Öl- und Kohlebosse im Grunde auch, und dann hört jenseits des sehr eng zu definierenden Privaten jede Verantwortung auf. „Dienstlich“ gilt also nur bedingt. Überhaupt gibt es auch im Privaten Fluggründe, deren Notwendigkeit ich niemals in Abrede stelle. Beispielsweise alles, was mit Herzensangelegenheiten zu tun hat. So lasse ich den Flugtransport von Herzen in Sachen Transplantation mitsamt Besitzer immer gelten. Das trifft auch für den nicht medizinischen Bereich zu. Wenn zwei Liebende, die unerhörterweise durch Raum und Zeit getrennt sind, mit Hilfe einer Flug­­­maschine zueinander finden können, dann werden sie von mir kein Wort des Bedauerns hören wegen der Tonnen CO2. Ausnahmen ausgenommen, wie wöchentliches Pendeln zwischen Sydney und Neukölln. Doch im Grunde gilt Liebe immer als stichhaltiger Fluggrund.

Mein wahrer „Fly reason“ für Riga war die postnationale Demokratie, für die ich in Lettland im Einsatz war. Vielleicht habe ich das nie erwähnt, aber ich liebe die Europäische Union, erkalte beim Anblick des Nationalstaates und möchte so schnell wie möglich in ein föderales Europa eintauchen, mit gemeinsamer Sozial- und Finanzpolitik und allem Pipapo. Die Stärkung der EU ist deshalb in meinen Augen ein guter Fluggrund. Um den Laden mit all den Eurokraten am Laufen zu halten, braucht es realistischerweise Flüge. Gute Flüge. Liebhaber sowohl des Klimaschutzes als auch der Europäischen Union müssen also mit Widersprüchen leben.

Dieser eine, wenn auch gute Grund, wäre natürlich etwas wenig. Deshalb werden meine Flüge durch einen weiteren ­abgesichert: Der hat mit dieser Kolumne zu tun und meiner Forschung in Sachen Überleitung. Die Stadtbusse in Riga sind nämlich elektrisch und haben über dem Dach eine elektrische Leitung, die merkwürdigerweise im Deutschen als Ober- und nicht als Überleitung bezeichnet wird. Sie sollten aus Klimaschutzgründen in ganz Europa ein flächendeckendes Comeback erfahren. In Deutschland haben sie die 50er Jahre leider nicht überstanden. Doch in Riga wird noch heftig über- und obergeleitet, das habe ich in den letzten Tag gründlich inspiziert. Tatsächlich: Es sieht toll aus und fühlt sich in modernen Bussen richtig gut an. Dabei ist es viel billiger als die teure Schieneninfrastruktur der Straßenbahn und erspart uns die Batteriedebatte. Ich werde mich also in Zukunft mit meinem ganzen fliegenden Herzen für Oberleitungsbusse einsetzen, insbesondere auch auf der von mir an anderer Stelle beschriebenen Energieautobahn. Das, so denke ich, ist in der Summe ein unschlagbarer Fluggrund.

Martin Unfried

Mehr von Martin Unfried auf www.oekotainment.eu

fairkehr 4/2016

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