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Kolumne 5/2013

Foto: iStockphoto.com/foto-ruhrgebietBahnfahren und Demokratie haben ­einiges gemeinsam: Manchmal muss man an der richtigen Stelle kreuzen.

Jede Wette Fahrradkette

Die Bundestagswahl ist bestimmt wie geschmiert gelaufen, was auch die Überschrift erklärt. Allerdings weiß ich beim Schreiben dieser Zeilen noch nicht, welche Koalition in Zukunft die Krise des deutschen Radweges überwinden soll. Also keine Ahnung, ob ich das Wörtchen „hätte“ werde bemühen können, um in der Gegenwart die verpassten Chancen der Vergangenheit zu beklagen. Wie jeder weiß, bin ich ein Befürworter von solarüberdachten Radwegen mit einer Breite von 2,50 Metern. Ob die neue Bundesregierung diese wirklich voranbringen wird, ist mir noch nicht deutlich. Aber oft werden Wahlversprechen ja ohnehin brutal gebrochen. Mein Vorteil: Da mir die Überdachung niemand versprochen hat, kann ich gar nicht so enttäuscht sein und mit der Unsicherheit leben. Womit ich eher ein Sicherheitsproblem habe: Der ICE, in dem ich gerade sitze, ist bereits vor einer Stunde in Minden in Westfalen liegen geblieben – und meinen Termin in Berlin kann ich mir in die Fahrradkette schmieren.

Dabei ist Sicherheit beim Bahnfahren wie in der Politik ein hohes Gut. Ich weiß, auch die deutschen Wähler gehen gern auf Nummer sicher. Unsicherheit besteht nun auch nach der Wahl in Deutschland. Wie und wann geht es in Sachen Überdachung voran? Im ICE heißt es, die Weiterfahrt verzögere sich auf unbestimmte Zeit. Das ist in unserer hektischen, auf die Minute getimten Zeit eine wohltuende Ansage. „Auf unbestimmte Zeit“ klingt nach Zen, Yoga und Finanzkrise. Okay, auch ein bisschen nach hätte – hätte – Fahrradkette. Wir wissen nämlich nicht, ob wir das freundliche Angebot hätten annehmen sollen, in den Regionalexpress nach Hannover umzusteigen (Gleis 11). Ich habe leider die falsche Wahl getroffen. Ich war zwar nach Gleis 11 gehechtet. Doch als die Durchsage kam, der ICE fahre nun doch und ich möge doch wieder umsteigen, gehorchte ich.

Auch hier zeigen sich Parallelen zur Bundestagswahl und zum Dilemma einiger Bürger: Hätte er gewusst, dass die Wahl sowieso zu dieser Koalition führt, hätte mancher den Sonntag im Wein­­lokal verbracht. Doch Stillstand und ­Unsicherheit müssen nicht „miese Stimmung“ bedeuten. Seien Sie ehrlich: Die Stimmung in Deutschland ist doch ganz okay, trotz des Wahlausgangs.

Auch bei uns im vorderen Zugteil in Minden sind die Menschen nach zwei besinnlichen Stunden guter Dinge, lachen sogar herzlich und beginnen zu reimen: „In Minden, in Minden sollt ihr unsere Knochen finden.“ Wir sind auch brav aus dem hinteren kaputten in den vorderen Zugteil umgestiegen, weil uns der Herr Schaffner per Ansage darum gebeten hatte. Und jetzt fährt der Zug sogar wieder in Richtung Hannover! Allgemeiner Applaus. Dann hält der Herr Schaffner erneut eine historische Rede und nimmt – anders als Politiker – sozusagen sein Wahlversprechen zurück: Es sei ihm überaus peinlich, und er bedauere es zutiefst, er möchte uns dies lieber nicht zumuten, aber es habe sich herausgestellt, dass der hintere Zugteil gar nicht kaputt sei, sondern der vordere, in den wir eben erst umgezogen seien. Das heißt, wir müssten leider in Hannover aussteigen. Allgemeines Lachen: Bahnfahren und Demokratie haben auch ihre heiteren Seiten. Und Ehrlichkeit wird in beiden Fällen honoriert, auch wenn es wehtut. Im ICE darf ich jetzt sogar auf einem ausgeteilten Zettel ein Kreuzchen machen mit einem echten Versprechen: Mir werden 50 Prozent des Reisepreises in Aussicht gestellt.

Ich würde übrigens niemals sagen, die Bahn sei ein mieses, unehrliches und schlechtgeführtes Unternehmen. Nein, im europäischen Vergleich geht das in Ordnung. Die Holzvertäfelung im ICE beispielsweise ist wirklich toppi. Das gilt auch für die Holzvertäfelung im deutschen Bundestag in Berlin. Und die deutschen Parteien sind im europäischen Vergleich ebenfalls ganz passabel. Das weiß man allerdings erst, wenn man mal lange Zeit im Ausland Zug fährt und Wahlkämpfe erlebt.

Martin Unfried

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fairkehr 3/2016

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