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Titel 1/2014

Blogs nehmen Einfluss

Kampagnen – beispielsweise für mehr Radfahren – verbreiten sich auch via Social Media, unter anderem über Blogs. Ihr Erfolg ist ein ständiges Wechselspiel zwischen online und offline.

Foto: Wolfgang ScherreiksFahrrad und Lebensstil: Beim „Tweed Day“ in Berlin führen Männer, Frauen und Kinder ihre Garderobe der 20er Jahre und ihre ­historischen Räder spazieren. Der Sinn: einfach gemeinsam fahren und gut fühlen – in Tweed und auf schönen Rädern.

Seit der Däne Mikael Colville-Andersen in seinem „Copenhagen Cycle Chic“-Blog die irritierende Botschaft verkündete, wenn Radfahren sexy sei, bringe das mehr Menschen aufs Rad, stellt sich die Frage: Können Blogs und Social Media das tatsächlich bewirken?

Als ich die Frage in die Netzwerke selbst weiterreichte, antworteten mir die Pessimisten, dass die „Posterei“ in den Social Media ohnehin nur innerhalb einer Zielgruppe stattfinde. Blogs würden nur von Bloggern gelesen.

Andere kommentierten, eine häufige Thematisierung des Fahrrads in Blogs und Social Media sorge für mehr Sichtbarkeit. Wer bereits mit dem Rad sympathisiere, finde Bestätigung und ortsun­­­abhängige Vernetzung. Teilnehmende ­wirken auf ihr Umfeld außerhalb der Netzwelt ein und reden auch offline darüber. Hinzu komme die emotionalisierende Wirkung von Bild- und Filmpostings – wie sonst nur in der Werbung. Wenn man sich allein durch die Verwendung von Twitter als jung und urban begreifen darf, warum sollte man sich nicht durch den übermittelten Inhalt, das Fahrrad, anstecken lassen?

Viele Blogs für alle Fälle

Seit der Wiederentdeckung des Fahrrads als urbanes Verkehrsmittel boomen entsprechende Blogs in den Städten. So zählt ein sarkastischer Metropolenporträtist wie Eben Weiss alias „Bike Snob NYC“ zu den einflussreichsten Fahrradbloggern.

Weiter gelten „Bike Portland“, „Amsterdamize“, und „Copenhagenize“ als Impulsgeber für Radkultur und -politik. Eine kritische Größe bildet auch der Zeitungsableger „The Guardian Bike Blog“. Das mit Abstand erfolgreichste Fotoblog „Copenhagen Cycle Chic“, das zahlreiche Nachahmer weltweit nach sich gezogen hat, zeigt normal bis stilvoll gekleidete Stadtmenschen auf ihren Rädern.

Die Reichweite der rund 200 deutschen Fahrradblogs ist aufgrund ihrer Sprache begrenzt. Zu den bekanntesten rund um Mobilitätskultur zählen das „Radspannerei-Blog“, „Radverkehrspolitik“ oder das Blog „Velophil“ der ZEIT. Ein „cervélover“ bespielt die Rennradfahrer, das „BikeBlog Berlin“ Renn- und Alltagsradler. Die Namen „Stahlrahmen-Bikes“ und „E-Rad Hafen“ sprechen für sich.

Albert Hölzle betreibt über „VeloCity Ruhr“ Netzwerkarbeit. Zu den Lokalbloggern gehören „Hamburgize“ oder die Plattform „Fahrradblogs in Köln“. BMX-, Cruiser- und Fixie-Fahrer steuern „Bike Blog“ oder „Fixed4711“ an. Radreisende finden Blogger über „Radreise.de“.

Das als nur kleiner Ausschnitt aus der Szene. Vom jugendlichen BMX-Crack bis zum „Middle Aged Man in Lycra“ verfügt jede Zielgruppe über zahlreiche Blogs. Der in den Siebzigern sozialisierte engagierte Typus, der das Blog des ehemaligen Berliner Fahrradbeauftragten „Benno Koch“ aufsucht, hat prinzipiell nichts mit Lifestyle-Modefuzzis am Hut. Im Netz finden beide Gleichgesinnte.

Foto: Anja JeltschinDer Autor ist Journalist und Blogger bei „fahrradjournal – Das Kulturmagazin“.

Spiel über Bande

Tatsächlich wirken Blogs zwischen Denkfabriken, Avantgarde und Multiplikatoren auf die „reale“ Welt ein. Onlinemedien streuen einen Trend bis ins letzte Dorf. Doch die Idee, Bloginhalte würden nur auf direktem Weg vom Blogger zum Rezipienten wandern, ist zu kurz gedacht. Was machen Journalisten, die einen Überblick über die neuesten

E-Bike-Trends brauchen? Sie googeln. Ganz vorn unter den Suchergebnissen finden sie auch Blogs. So geraten Bloginhalte in Online- oder Printartikel – und die Frage darf weitergereicht werden: Inwieweit beeinflusst der Artikel eine Leserin oder einen Leser?

E-Mails von „Affiliate Managern“ – also von Marketing-Beauftragten, die auf der Suche nach Vertriebslösungen im Internet sind – im Blogger-Postfach beweisen, dass sich Unternehmen reale Kaufentscheidungen versprechen, wenn ihre Produkte in den Blogs auftauchen. Tourismusverbände tendieren von Presse- zu ausschließlichen Bloggerreisen. Wirklich physische Wirkungsbeweise bieten die seit einigen Jahren boomenden Radboutiquen mit Galerie-Ambiente, die ihr Marketing zuvor über Blogs und Social Media bewältigten und genau jene urbane Radbekleidung verkaufen, die eben noch im Netz „viral“ ging.

Von der Berliner „Fashion Week“ bis zur Computermesse Cebit in Hannover werden Blogger deshalb als Trendsetter hofiert. Und es ist eine irritierende Notiz am Rande, in den Presserichtlinien der internationalen Fahrradleitmesse Eurobike anno 2014 zu lesen: „Grundsätzlich nicht akkreditiert werden Personen, die ausschließlich ein Weblog betreiben.“ Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Henne oder Ei?

Sieht ein Blogger vermehrt Radfahrer mit modischen Helmen durch die Stadt radeln, notiert er das vielleicht in seinem Blog: „Seht her, diese bunte Vielfalt gibt es!“ Damit geht eine Offline-Beobachtung online. Wer das liest, könnte Lust auf einen solchen Helm bekommen. Jetzt beeinflusst online wieder offline, obwohl die Quelle ursprünglich der physischen Welt entstammt.

Doch wer war zuerst da, Henne oder Ei? Nicht zuletzt spiegelt ein Blog immer die Offlinewelt wider und trägt gleichzeitig zu ihrer Erzeugung bei. So bleibt es immer ein Wechselspiel aus realer und virtueller Welt, das mehr Menschen zum Radfahren motiviert.

Wolfgang Scherreiks

fairkehr 2/2019