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Titel 1/2014

Wir sind der Verkehr

Jeden letzten Freitag im Monat treffen sich zeitgleich überall auf der Welt Fahrradfahrer zur Critical Mass – einer gemeinsamen friedlichen Radtour durch ihre Stadt.

Foto: Manfred UhdeHofgarten vor der Universität, immer am letzten Freitag im Monat: Auf diesen festen Treffpunkt können sich Critical-Mass-Teilnehmer in Bonn verlassen. Auch in vielen anderen Städten gehen Radfahrerinnen und Radfahrer gemeinsam auf Tour.

Der Wetterdienst hatte Sturmböen vorhergesagt. Wind pfeift ums Haus. Man könnte einen Tee kochen, Kerzen anzünden und sich den Plätzchentellern widmen. Doch es ist der letzte Freitag im Dezember – Critical-Mass-Tag.

Jeden letzten Freitag im Monat treffen sich in Bonn so wie in vielen Städten Deutschlands und der ganzen Welt Fahrradfahrerinnen und -fahrer, um auf einer gemeinsamen Tour quer durch die Stadt Spaß zu haben – und auf das Radfahren als umweltfreundliche, intelligente Fortbewegungsart und selbstverständlichen Teil des Verkehrs aufmerksam zu machen. Sie sind die Critical Mass, die kritische Masse, die Menge, die den Unterschied macht.

Kurz vor 18 Uhr am Treffpunkt Bonner Hofgarten, dort, wo damals in den 80er Jahren die großen Friedensdemonstrationen stattfanden. Noch vor den ersten Radfahrern rollen zwei Polizisten auf Motorrädern heran. Ob sie wegen der Critical Mass da sind? „Ja klar“, antwortet der eine, „wir sind ja lernfähig.“ Eingeladen habe sie niemand, aber es sei die fünfte Tour dieser Art in Folge. Die letzten Male seien an die 80 Leute mitgefahren, im Pulk, auf der Fahrbahn, im dichten Feierabendverkehr. „Weil das schon mal zu grenzwertigen Situationen führen kann, sind wir jetzt da und sichern die Radfahrer nach hinten gegen den Autoverkehr ab“, erklärt der motorisierte Zweiradpolizist.

Foto: Manfred UhdeMitten auf der Straße und mitten im Verkehr: Die Critical Mass ist eine scheinbar zufällige Radtour von gleichgesinnten Menschen, die zeigen, dass Radfahren Spaß macht, aber mehr Platz braucht.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Critical Mass demonstrieren für das Radfahren, sie sind aber ausdrücklich keine Demonstration. Die müsste angemeldet werden, was mit bürokratischem und finanziellem Aufwand verbunden wäre. Wer sollte es machen? Einen Veranstalter im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Die Critical Mass ist ein offenes Treffen von Fahrradfahrern, ein organisierter Zufall sozusagen. Auf Seiten im Internet, über Facebook, Twitter oder per SMS wird der Treffpunkt bekannt gegeben und weitergesagt. Wer möchte, kommt, bringt Freunde und Freundinnen mit. Jeder kann sich während der Tour anschließen oder aussteigen. Fröhliche Fahrradprotestfahrt

Nach und nach trudeln weitere Radfahrer am Hofgarten ein: eine Mutter mit Kind im Fahrradsitz, ein mittelaltes Paar auf einem Tandem, gut Ausgerüstete mit Helmen und Warnwesten auf Tourenrädern, auch ein paar Studenten mit durchschnittlichen Klapperkisten sind dabei. Petra vom VCD-Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg/Ahr ist mit von der Partie. „Ich freue mich auf das großartige Erlebnis, endlich einmal mitten auf der Straße fahren zu dürfen“, sagt sie. In Bonn engagiert sich die VCD-Aktive für bessere Bedingungen im Radverkehr. Da kommt der 46-jährigen Angestellten die Critical Mass als Veranstaltung gerade recht. Maurice, der junge Mann mit der Musikanlage auf seinem Lastenrad, war von Anfang an Teil der Critical Mass Bonn. Anführer oder Veranstalter will er trotzdem nicht genannt werden. Er hat einen Stapel Handzettel dabei, die seine Freunde während der Tour verteilen wollen.

Punkt 18 Uhr wird durchgezählt.

15 Menschen müssen zusammenkommen, um im geschlossenen Verband auf der Fahrbahn radeln zu dürfen. So steht es in der Straßenverkehrsordnung. Die Gruppe wird dann wie ein einziges Fahrzeug behandelt. Das heißt, sie darf im Pulk abbiegen oder über grüne Ampeln rollen, auch wenn die zwischendrin auf Rot umspringen. Trotz Weihnachtszeit und Wintersturm sind locker 25 Gleichgesinnte da. Die fröhliche Fahrradprotestfahrt kann also losgehen.

Vornweg fährt ein junger Mann mit Stirnlampe in den blonden Locken. Er hat sich mit zwei anderen Rennradfahrern kurz über den groben Verlauf der Strecke abgestimmt: Mitten durch die Innenstadt soll es gehen, auf jeden Fall über den Rhein und retour, auf die vierspurige Bundesstraße Richtung Bad Godesberg und zurück durch die südlichen Stadtteile an den Ausgangspunkt. Gefahren wird mit gemäßigter Geschwindigkeit. So kommen alle mit, können auf die anderen Radler achten und miteinander quatschen. Manfred, ein Automanager in Altersteilzeit, erzählt von seinen weltweiten Radurlauben: Was man nicht alles sieht, wenn man auf dem Sattel durch Paris fährt. Wie es sich in Nepal radelt. Was am Radfahren in Hanoi so interessant ist. Andreas, IT-Fachmann bei einer Bonner Bundesbehörde, hat sich, weil er in Köln wohnt, nach der Arbeit ein DB-Callbike ausgeliehen, um mitzufahren.

Mehr Platz für Fahrräder

Die Bonner Autofahrer nehmen die Radfahrer vor ihnen gelassen zur Kenntnis. Was sicher auch an den eskortierenden Polizisten liegt. Bei den Passanten am Straßenrand erregt der Fahrradkonvoi durchweg positive Aufmerksamkeit. Obwohl die Gruppe jahreszeitbedingt klein ist, fällt sie auf – nicht nur wegen der motivierenden Musik, die Maurice laufen lässt und die sich vom Autolärm angenehm abhebt.

Wen es interessiert, der bekommt einen Flyer in die Hand gedrückt, auf dem noch einmal steht, worum es geht: mehr Platz für Fahrräder in der Stadt, mehr Rücksichtnahme und sichere Bedingungen für das tollste und umweltfreundlichste Verkehrsmittel überhaupt. „Wir blockieren den Verkehr nicht, wir sind der Verkehr“, lautet das Motto.

Nach anderthalb Stunden sind die Radler wieder in der Innenstadt angekommen. Man verabschiedet sich – auch bei den sich abseits haltenden Polizisten für ihren unaufdringlichen Geleitschutz – und verabredet sich locker für die Critical Mass im nächsten Monat. Radfahren macht schließlich bei fast jedem Wetter Spaß.

Uta Linnert

Critical Mass

Seit 1992 gibt es diese friedliche Protestform. Erfunden wurde sie in San Francisco. Seit dieser Zeit treffen sich Radfahrer überall auf der Welt zu dieser Aktionsform. Die „Critical Mass“ findet am letzten Freitag im Monat in vielen deutschen Städten statt – vielleicht auch in Ihrer Nähe. Infos vor Ort oder im Internet via Suchmaschine ­recherchieren.

fairkehr 3/2020