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Service 6/2010

Die Lust am Rollen

Der Bewegungswissenschaftler Christian Burmeister hat ein eigenes Konzept entwickelt, mit dem Erwachsene das Radfahren spielend lernen.

Foto: Asja CaspariDer Hamburger Sportwissenschaftler Christian Burmeister (49) veranstaltet seit 1988 Radfahrkurse.

fairkehr: Wer sind die Menschen, die in Ihre Kurse kommen?
Christian Burmeister: Mein ältester Teilnehmer war 93 – aber die meisten sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Der Anteil der Männer liegt unter zwanzig Prozent. Viele Kurse sind eigens für Frauen mit Migrationshintergrund ausgeschrieben. Von Teenagern bis zu Großmüttern finden Frauen in die Kurse, die in der ersten Generation in Deutschland leben.

Was ist deren Motivation? Warum wollen sie Radfahren lernen?
So, wie ich es erlebe, sind es drei Hauptgründe, weshalb die Frauen Radfahren lernen möchten: Zum Ersten ist da der Wunsch nach mehr selbständiger Mobilität. Zum Zweiten ist es für die meisten ein Kindheitstraum, der in Erfüllung gehen soll, und zum Dritten geht es um eine emanzipatorische Ebene: es sich, der Familie und der Welt zu zeigen und zu beweisen, dass Frauen auch noch im fortgeschrittenen Alter Radfahren lernen können.

Was ist das Besondere daran, Erwachsenen das Radfahren beizubringen?
Es ist weniger ein Beibringen – meines Erachtens ist es unmöglich, irgendjemandem irgendetwas beizubringen. Es ist vielmehr die Kunst, angemessene Aufgaben und Herausforderungen zu stellen, die zu einer natürlichen, fast möchte ich sagen, kindlichen Entfaltung führen. So gesehen lernen die Erwachsenen nicht Radfahren, sondern sie holen in den Kursen ihre Kindheit nach – eine Sichtweise und Einstellung, die besonders von den Frauen sehr begrüßt wird. Unser methodisches Konzept ist das Besondere: Es führt zu einem enormen Leistungsdrang und zu weitaus größeren Erfolgen als konventionelles Beibringen.

Was sind die größten Hürden – Angst oder körperliche Eingeschränktheit?
Angst kommt in unserer Vorgehensweise nicht auf. Die Teilnehmerinnen unserer Kurse überfordern sich nicht, sie bleiben immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten, immer ganz bei sich, und sie wissen immer genau, was sie tun. Das Rad vermittelt die Geschwindigkeit von selbst, so entdecken sie die Lust am Rollen. Leichte körperliche Einschränkungen verlängern lediglich den Entfaltungsprozess, machen ihn aber nicht unmöglich. Die größte Hürde ist das für Erwachsene typische „Wollen und Sollen“: Erwachsene stehen sich mit ihren Hoffnungen, Wünschen und Erwartungen selbst im Weg und sind damit nicht mehr offen für die Dinge, die ihnen ein Fahrrad oder eine Situation mitteilen möchte.

Was ist das Besondere an Ihrem Konzept?
Es ist sehr umfassend und interdisziplinär. Es fließen Erfahrungen aus fast einem Vierteljahrhundert Radfahrkursen ein und es berücksichtigt sehr differenziert physikalische Phänomene des Radfahrens. Es entfaltet und erhält Beweglichkeit, Wahrnehmungsfähigkeit und Handlungsfähigkeit. Es ist unter der Marke „moveo ergo sum“ geschützt.

Wie lange braucht man, um Radfahren zu lernen?
Es verhält sich wie bei Kindern: Das grobe Fahren ist nach sehr kurzer Zeit – in der Regel nach zwei bis vier Übungseinheiten – möglich. Umsichtiges, souveränes, präzises und geschmeidiges Radfahren braucht praktische Erfahrungen, also Zeit. Manchen sieht man bereits nach ein paar Tagen nicht mehr an, dass sie noch vor kurzem Anfängerinnen waren, andere benötigen Wochen dafür.

Ist es gefährlich?
Nein – nicht gefährlicher als Treppensteigen. Wenn ich nicht bei der Sache bin, stolpere ich und verletze mich auch dort.

Werden die erwachsenen Radfahrerinnen und Radfahrer fit für den Straßenverkehr?
In psychologischer und fahrerischer Hinsicht, also wahrnehmen und entscheiden, ja, das können sie. Die Straßenverkehrsordnung und das Verhalten im Straßenverkehr stehen bei uns nicht auf dem Stundenplan. Wer keinen Auto-Führerschein besitzt, muss das nachholen. Hier bieten wir im Anschluss an die Kurse Aufbaueinheiten an und hier hilft uns die Verkehrserziehung der Polizei, mit der wir in Zukunft noch mehr kooperieren werden.

Interview: Uta Linnert

fairkehr 4/2017

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