Reise 3/2008BiowinzerSpitzenwein am HonigbergIn den Weinbergen wandern macht noch einmal so viel Spaß, wenn man weiß, dass immer mehr Winzer auf Bioanbau umsteigen. Timo Dienhart ist einer von den jungen Ökowinzern an der Mosel, die Weine für Gewissen und Geschmack machen.
Weinreben wie Bonsaibäume zu trimmen, davon hält der junge Biowinzer Timo Dienhart gar nichts. Er zeigt auf Rebstöcke, an denen Triebe mit wenigen Blättern herzförmig zusammengebunden und in Form gebracht sind, auch Moselpfahl genannt. Dann folgt sein vernichtendes Urteil: althergebracht, arbeitsintensiv und schlecht für die Wurzeln. Wenn der 26-Jährige zwischen den Rebstöcken steht, ist er in seinem Element: Er ist stolz auf seinen Weinberg. Hier ziehen Drähte von Stock zu Stock den Hang hinauf und bilden eine Art Spalier für die Triebe. Was die so genannte Reberziehung angeht, hat jeder Winzer, wie in so vielen Dingen, seine eigene Philosophie. Dienhart denkt nicht nur an Ertrag, sondern an das Wohl der Reben, an die Bodenorganismen, das gesamte Ökosystem Weinberg und natürlich an den Geschmack. „Dennoch muss am Ende auch der Umsatz stimmen“, sagt der Jungwinzer. Bei seinen Rieslingreben will er das Blattwachstum optimal fördern. Nur so, sagt er, schmecken die Trauben später, wie er es für seinen Spitzenwein braucht. Honigberg heißt der Südhang, auf dem Dienharts Rieslingtrauben wachsen. Er liegt in der Nähe von Bernkastel. Von hier oben hat man einen schönen Blick übers Moseltal, oder besser gesagt über das Urstromtal. Vor Jahrtausenden schlängelte sich der Fluss noch am Honigberg vorbei. Heute fließt die Mosel ein paar Kilometer südlicher. Aber die schwungvolle Biegung von einst, der alte Mäander, ist noch deutlich zu erkennen. In bio veritasDienhart eilt von einer Weinbergparzelle zur nächsten. Mit einem Spaten gräbt er immer wieder ein bisschen Erde auf. Und dann kommt er zu seinem Lieblingsthema, den Böden: Hier ist der Krümel nicht optimal, da sieht man genau, dass der Winzerkollege mit viel zu schmal bereiften Maschinen durch den Weinberg fährt. Der Boden ist so fest, dass der Spaten nicht weit kommt. Nur noch eine dünne lose Schicht liegt über dem harten Erdreich. „Der nächste Regen wäscht die sofort runter“, sagt Dienhart, „dann rutscht das Beste vom Boden unten auf den Weg.” Erosion ist ein Problem, mit dem alle Winzer zu kämpfen haben. Um seine Weinberge so gut wie möglich zu schützen, ohne auf chemische Düngemittel und Pflanzenschutzmittel zurückgreifen zu müssen, tüftelt Dienhart das ganze Jahr über. Er grubbert, lockert, mulcht und eggt, je nach Witterung und Jahreszeit. Denn mit Nichtstun kann man keine guten Weine machen. Gerade hat er in einigen neuen Hängen unterschiedliche Saaten ausgebracht – Klee, Ringelblumen, Fenchel, Wicken oder Habichtskraut. Die Pflanzen sind wichtig für den Nährstoff- und Wasserhaushalt der Böden. Wenn es zu viel regnet halten ihre Wurzeln den Boden fest und ihre Blätter speichern Wasser, so dass die Weinrebe nicht zu viel abbekommt. Ist es lange Zeit trocken, wie dieses Jahr im Mai, mäht und zerkleinert er den Bewuchs. Eine welke Pflanzenschicht, fast wie Heu, liegt in den Reihen. Sie spendet dem Boden Schatten, nimmt der Rebe aber kein Wasser weg. Aktives Bodenmanagement nennt der Fachmann das. Bioanbau ist UmweltschutzDas Winzerhandwerk hat Timo Dienhart von der Pike auf gelernt. Schon als Kind war er mit seinem Vater im Weinberg – einem Biowinzer der ersten Stunde. Aber während seiner Ausbildung hat er auch Station bei einem konventionellen Kollegen gemacht. „Im Weinkeller konnte ich da viel lernen. Sind die Trauben einmal geerntet, unterscheiden sich öko und konventionell nicht mehr so sehr“, erklärt Dienhart. Bisher ist nur der Bioanbau, nicht die Weinherstellung geregelt. Das soll sich aber demnächst ändern. 2009 wird es eine EU-weite Kellerrichtlinie für Weine aus ökologischem Anbau geben. Dienhart engagiert sich im Projekt ORWINE, das der EU-Kommission wissenschaftliche Grundlagen dafür liefern soll.
Wer aufmerksam durch die Weinberge wandert, kann hier und da erkennen, ob ökologisch oder konventionell bewirtschaftet wird. Aber nicht jeder grün überwucherte Weinberg ist bio. Und nicht jeder von Pflanzenschutzmitteln verätzte Rebsaum lässt auf einen ignoranten Umweltsünder schließen. „Ich will die Konventionellen nicht schlechter machen, als sie sind“, sagt Dienhart. Es gebe schließlich auch Kollegen, die konventionell, aber mit Sinn für Qualität arbeiten. Die spritzen zum Beispiel die letzten paar Male vor der Ernte mittlerweile auch mit Ökomitteln, benutzen Pheromonfallen statt Insektizide und gehen sparsamer mit Mineraldünger um. Bio boomt auch im Weinberg. In den letzten 20 Jahren hat sich die ökologisch bewirtschaftete Fläche versechsfacht. Die Biowinzer sind in verschiedenen Verbänden des Ökolandbaus organisiert. Ecovin ist mit 200 Mitgliedern aus zehn deutschen Weinbaugebieten der Größte. Naturland und Bioland haben ähnlich strenge Regeln und einige Winzer arbeiten sogar biologisch-dynamisch und haben sich vom Warenzeichen Demeter zertifizieren lassen. Biowein ist mittlerweile auch in den Discounterregalen angekommen. Auch wenn die Regeln für das EU-Biosiegel nicht so streng sind, findet Dienhart die Entwicklung gut. „Jede Flasche Wein aus Bioanbau ist ein Stückchen Umweltschutz“, sagt der engagierte Winzer. Seinen Wein verkauft er nicht im Supermarkt. Wie die meisten Ökowinzer an der Mosel setzt er auf Direktvermarktung. Dabei profitiert Dienhart wieder vom Papa. Der hat über die Jahre einen treuen Kundenstamm aufgebaut, der auch gern die neuen Weine vom Nachwuchs kauft. Denn die Jungen bauen nicht nur Wein fürs gute Umweltgewissen an, sie machen vor allem Weine, die eine Auszeichnung nach der anderen bekommen, auch außerhalb der Ökoszene. Und dass so ein spritziger Riesling auch gut schmeckt, davon überzeugt sich am besten jeder selbst bei einer Weinprobe an der Mosel. Valeska Zepp Weingut zur Römerkelter, Familie Dienhart, In der Duhr 6, 54484 Maring-Noviand/Mosel, Tel.: (06535) 430 www.roemerkelter.de
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