Titel 1/2007

Flughafenausbau Leipzig

Kleiner Gernegroß

Als „Tertiärflughafen“ ohne attraktives Einzugsgebiet stuft eine Studie den internationalen Flughafen Leipzig/Halle ein. Nun versucht Sachsen mit der Ansiedlung von DHL und einer ICE-Verbindung nach Frankfurt/Main, dem Flughafen den Anschluss an die Spitze zu verschaffen. Die EU ermittelt wegen unerlaubter Subvention.

 
  Foto: Flughafen Leipzig/Halle
  Seit Jahren investiert Sachsen, um den Flughafen Leipzig zum internationalen Drehkreuz zu machen – bisher vergeblich.

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, sagte einst Helmut Schmidt. Die Flugbranche ist da ausgenommen. Als der ehemalige Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG Volkmar Stein Anfang der 90er Jahre seine Vision verkündete, den Flughafen Leipzig/Halle zu einem der „weltweit bedeutendsten Logistikstandorte“ zu machen, bekam er von Seiten der Politik vor allem Zuspruch. Und finanzielle Unterstützung. Seither hat der Flughafen Milliarden an Zuschüssen erhalten – wird in der Statistik aber nach wie vor nur als „Tertiärflughafen“, das heißt als minder wichtiger internationaler Flughafen geführt. Keine Drehkreuzfunktion, kein attraktives Einzugsgebiet und Passagierzahlen, mit denen er gerade einmal die Grenze der Wirtschaftlichkeit erreicht: Leipzig hat die kritische Grenze zur Rentabilität – zwei Millionen Flugpassagiere – 2005 erstmals knapp überschritten und gehört damit zu den ganz kleinen unter den großen Personenflughäfen weltweit. Der im Dezember 2006 von Lufthansa, Flughafen München und Frankfurt sowie der Deutschen Flugsicherung veröffentlichte Lobbybericht „Masterplan zur Entwicklung der Flughafeninfrastruktur“ stuft Leipzig/Halle als unbedeutend in Sachen Passagiertransport ein, weist dafür aber auf sein Wachstumspotenzial in Sachen Frachtverkehr hin: „Leipzig/Halle ist aufgrund der 24-Stunden-Betriebsgenehmigung für das weitere Wachstum des Luftfrachtverkehrs in Deutschland von besonderer Bedeutung“, schreiben die Autoren des Flugreports.

Die Lizenz zum Nachtflug verdankt der Leipziger Flughafen letztendlich dem Druck seines neuen Großinvestors DHL. Um rund um die Uhr fliegen zu können, entschied sich das Logistikunternehmen gegen seinen bisherigen Standort Brüssel und für Leipzig, nachdem der Freistaat Sachsen freien Nachtflug zusicherte. Das Bundesverwaltungsgericht hat Leipzig/Halle nun eine 24-stündige Flugerlaubnis erteilt – wenn auch während der Nachtstunden auf Expressgut beschränkt.

Unerlaubte Subventionen

Auch die zweite Bedingung für die DHL-Ansiedlung hat das Land Sachsen postwendend erfüllt: Die zweite Landebahn, die DHL für die unbedingt notwendige „Parallelabwicklung“ braucht, wird im Sommer 2007 fertig. Nun hat die EU allerdings die Wirtschaftlichkeit dieser Investition in Frage gestellt. Sie muss entscheiden, ob das Geld, das die Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt in die 350 Millionen teure Startbahn stecken, der Einsatz visionärer Finanziers ist oder eine öffentliche Subvention, die kein Investor bei gesundem Verstand tätigen würde. Im letzteren Fall würde DHL von einem wettbewerbsverzerrenden Staatszuschuss profitieren, der gegen die Subventionsrichtlinien der EU verstieße. Die EU hat im vergangenen November die Ermittlung aufgenommen. Ihr Argument: Nur DHL profitiere vom Ausbau der Start- und Landebahnen und erhalte daher einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz. Da die Investoren nicht realistisch damit rechnen könnten, dass sich ihre Investition für sie auszahle, handele es sich um einen öffentlichen Zuschuss.

 
  Foto: Flughafen Leipzig/Halle
  Sinnvolle Investition oder wettbewerbsverzerrende Subvention? 350 Millionen Euro investiert der Freistaat Sachsen in Baumaßnahmen am Flughafen Leipzig/Halle, von denen in absehbarer Zukunft nur eine Firma profitieren wird.

DHL sieht das ganz anders: Der für das DHL-Drehkreuz Leipzig zuständige Pressesprecher Manfred Hauschild betont, dass die Absprachen zwischen DHL und EU sauber seien: „Wir haben unsere Subventionen schon 2005 von der EU absegnen lassen.“ Damit bezieht er sich auf die 70 Millionen Strukturfördermittel, die DHL von der EU zugesprochen bekommen hat. „Für alle anderen Investitionen bin ich nicht der richtige Ansprechpartner.“ Die zweite Landebahn hätte seiner Meinung nach sowieso gebaut werden müssen, argumentiert er. Ein Entgegenkommen gegenüber seiner Firma sieht er darin nicht. Aber wie auch immer die EU entscheide, DHL gehe nach Leipzig: „Ohne Wenn und Aber: Wir bauen unser Projekt hier zu Ende“, betont Hauschild. „2008 wird DHL das Luftfrachtdrehkreuz in Leipzig in Betrieb nehmen.“

Bis zu eineinhalb Jahren – also genau bis zum geplanten Umzugstermin von DHL im Sommer 2008 – kann die Prüfungsphase bei der EU dauern. Entscheidet die EU auf Subvention, müsste der Flughafen-Betreiber die Landesgelder zurückzahlen.

Aber auch wenn DHL nach Leipzig kommt, bleibt fraglich, ob der Flughafen das Potenzial zum hochrangigen internationalen Drehkreuz hat. Da es in der Region selbst kaum Frachtaufkommen von internationaler Bedeutung gibt, plädiert der „Masterplan zur Entwicklung der Flughafeninfrastruktur“ für die Schienenanbindung des Leipziger zum Frankfurter Flughafen, für den zügigen Ausbau der ICE-Strecke Leipzig–Nürnberg und für den Ausbau von gleich vier Autobahnen in der Umgebung. Wenn dann alle Wege nach Leipzig führen, könnte der Flughafen Leipzig/Halle zum Beispiel den Kapazitätsengpass am Frankfurter Flughafen entlasten, so der Masterplan.

Schiene statt Flieger?

Interessante Argumentationskapriole der Masterplan-Verfasser: Die Schienenanbindung vom Leipziger zum Frankfurter Flughafen sei gleichzeitig die politisch gewollte Verlagerung von Flugfracht auf die Schiene. Davon, dass die Bahnstrecke keinesfalls zu diesem politischen Ziel beitrüge, sondern vielmehr eine reine Zubringerfunktion von einem ausgelasteten zu einem wenig ausgelasteten Flughafen hätte, lassen sich Lufthansa und Co. nicht stören.

Eine von der Deutschen Bank im November 2005 veröffentlichte Studie zur Rentabilität von Regionalflughäfen stellt die Entlastung der wenigen deutschen Großflughäfen durch in der Nähe liegende kleinere Partnerflughäfen in Frage. Der einzige chronisch überlastete Flughafen ist tatsächlich Frankfurt/Main. Was von dort aus an Frachtgütern zu verlagern ist, geht aber bereits zum Kooperationspartner Flughafen Hahn – schlechte Karten also für Leipzig/ Halle.

Egal: Leipzig will internationales Frachtdrehkreuz werden. Dazu passt auch der Personalwechsel an der Spitze der Flughafen AG: Statt des Visionärs Stein sitzt dort seit Januar Markus Kopp. Er kommt von Lufthansa Cargo und hat dort die Kooperation mit DHL world wide express aufgebaut. Er kennt die Akteure aus seiner Zeit in Brüssel. DHL soll für Leipzig die Brücke zur Welt sein – koste es, was es wolle.

Regine Gwinner

   
 

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