Editorial 1/2007
 

Kein Umweltmeister

 
Michael Adler

Foto: www.marcusgloger.de

Was hat das Rauchverbot
mit dem Klimawandel zu tun? Was die CO2-Mengen angeht, ist das Rauchen wohl eher vernachlässigbar. Die Parallele im politischen Raum ist aber eindeutig. In beiden Fällen lässt sich die deutsche Politik am Nasenring der
Lobbyisten durch die Manege ziehen.
Wir haben ein Elitenproblem in Deutschland. Warum startet Bundeskanzlerin Angela Merkel als klimapolitischer Tiger in die EU-Ratspräsidentschaft und landet binnen weniger Wochen als industriegesteuerter Bettvorleger? Weil ihr der Mut zur eigenen Courage fehlt. Zu hasenfüßig verstrickt sich die Regierungschefin in dem altbekannten Netz aus Industrieinteressen, Gewerkschaftspositionen und Parteiparolen.
Und hat der Verkehrsminister einen Plan? Der Umweltminister? Und wo sind eigentlich die Grünen?
Dabei hätten wir die Politik gerade jetzt so sehr gebraucht. Die Selbstverpflichtungen der Wirtschaft sind im Allgemeinen das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. So auch aktuell bei der unsäglichen Debatte um den CO2-Grenzwert für die europäische Autoflotte. Der EU-Umweltkommissar Stavros Dimas will lediglich die Selbstverpflichtung der Autoindustrie zum Gesetz machen und schon beginnt das Täuschen, Tarnen und Tricksen. Weil die deutsche Industrie nun einmal große, spritschluckende Autos baue, sei sie benachteiligt, sagt der Wirtschaftsminister. Glos verwaltet den Standort Deutschland wie eigentlich jeder Wirtschaftsminister vor ihm. Die Gewerkschaften malen den Verlust von Zigtausenden Arbeitsplätzen an die Wand, wenn sich auch nur irgendetwas verändere.

Und jetzt will die Kanzlerin auch noch „mit aller Härte“ gegen die EU vorgehen, deren Chefin sie gerade ist.
Das Geraune in Europa und der Welt nimmt zu. Viele hatten von Deutschland mehr erwartet. Der Schaden ist immens. Gern schmückt man sich noch mit dem Image des

„Umweltmeisters“. Doch der Lack ist ab. Jetzt zeigt sich, dass die beiden großen Volksparteien in unserem Land Umweltpolitik immer nur als Industriepolitik im grünen Gewand begriffen haben. Zukunftsfähige Politik sähe anders aus. Angela Merkel sollte sich mutig mit Umweltkommissar Dimas verbünden. Sie sollte per europäischer Richtlinie deutlich machen, dass es auch für die deutsche Autoindustrie unvermeidlich ist, wirklich innovative Autos zu bauen. Und sie sollte Gewerkschaften und Industrie erklären, dass dies nur in ihrem Sinne ist. Sie sollte die Einbeziehung des Flugverkehrs in den Emissionshandel unterstützen und außerdem die Initiative für eine Kerosinsteuer ergreifen.
Mit mut- und einfallsloser Politik ist der Klimawandel nicht zu stoppen. Wo bleiben also die Politiker, die das Klimathema als Herausforderung annehmen, Unternehmer, die neu denken, oder Prominente, die als klimabewusste Vorbilder taugen? Bewerbungen nimmt die fairkehr-Redaktion gerne entgegen.
Einen schönen Frühling wünscht Ihnen Ihr

Interessanterweise folgt die Wirklichkeit dem Zeichen. Frauen gehen in Deutschland rund 700 Meter pro Tag zu Fuß, Männer nur etwa 200 Meter. Beides ist viel zu wenig für das Lauftier Mensch, diagnostiziert der Sportwissenschaftler Ingo Froböse im fairkehr-Interview. Der aufrechte Gang erfordere vom Menschen eine starke Muskulatur, um den Körper im Raum zu stabilisieren. Je weniger wir diese Muskeln trainierten, desto beschwerlicher werde jeder Schritt – Rückenprobleme, Arthrose und Stoffwechselkrankheiten inklusive.

Obwohl die gesundheitlichen und sozialen Segnungen des Zu-Fuß-Gehens auf der Hand liegen, tun Verkehrsplaner und Autolobby fast alles, um Fußgänger buchstäblich an die Wand zu drücken.

Geplant wird eine Straße vom Mittelstreifen her. Viel Platz ist für das Fahren mit breiten Autos reserviert. Am Fahrbahnrand müssen die Riesengefährte Parkraum finden, danach folgt gelegentlich ein Fahrradweg und was dann noch übrig bleibt, muss für die Fußgänger reichen. Seit 1972 gelten offiziell 1,5 Meter Breite als ausreichend für das, was der Volksmund immer noch großspurig „Bürgersteig“ nennt.

 

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