Reise 4/2006Bio-bierMöppkesbraut bei PinkusSeit 190 Jahren produziert die Brauerei Pinkus Müller in Münster Bier auf traditionelle Weise. Vor etwa 25 Jahren begann der Familienbetrieb, den beliebten Gerstensaft aus ökologischen Rohstoffen herzustellen und ihn weltweit zu exportieren. Vor Ort in der Münsteraner Altstadt genießen Einheimische und Touristen das naturtrübe Bio-Bier in westfälischem Ambiente.
Zwei Frauen um die 40 haben in der Sonne vor der Pinkus-Altbierküche Platz genommen. Es ist kurz vor zwölf. „Wollen wir aufmachen?“, fragt Brauinge-nieur Friedhelm Langfeld. Seine Frau Barbara Müller nickt. Ein freundlicher grauhaariger Kellner öffnet die dunkle schwere Holztür der Gaststube, eilt nach draußen und kommt mit der Bestellung zurück: Ein großes Pinkus Alt und ein kleines Pinkus Pils wünschen die Damen – es ist Urlaubszeit in Münster. Pinkus – der Name steht für 190 Jahre Münsteraner Braukunst. Braumeisterin Barbara Müller, ihre Eltern und ihr Mann Friedhelm Langfeld betreiben das Familienunternehmen in sechster Generation. Als einzige von einst 150 Münsteraner Altbierbrauereien hat Pinkus Müller bis heute überlebt. Der Traditionsbetrieb mit etwa 40 Angestellten produziert neben Altbier mittlerweile zwölf weitere Sorten, von Hefeweizen über Pils bis hin zu Honig-Malzbier. Das Besondere daran: Es werden ausschließlich Rohstoffe aus kontrolliert biologischem Anbau verwendet. Die Münsteraner Bio-Brauerei produziert ihr Bier mit Hilfe von zum Teil historischer Ausrüstung auf traditionelle Weise –fast wie vor 190 Jahren. Ebenso viele Jahre hat das Brauhaus auf dem Buckel: Man erklimmt steile, schmale Treppen und duckt sich in Räumen mit niedrigen Decken. Führungen für Touristen werden wegen der Unfallgefahr nicht angeboten. Im ganzen Gebäude riecht es angenehm nach Getreidemalz, Hopfen und Hefe – die Nase erhascht einen ersten Eindruck davon, wie das Bier später schmecken wird. Besichtigungshöhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes ist der Blick von einer Metallleiter in riesige Gärbehälter, in denen tausende Liter Altbier und Hefeweizen entstehen. Nach etwa einer Woche fließen sie in große Lagertanks. Dort reift das Öko-Bier je nach Sorte weitere drei bis sechs Monate, bevor es in Flaschen abgefüllt wird oder frisch gezapft in Pinkus-Gläsern vor durstigen Gästen landet.
„Viele freuen sich, dass unser Bio-Bier nach längst vergangenen Zeiten schmeckt“, erzählt Friedhelm Langfeld und nimmt wie zur Bestätigung einen kräftigen Schluck des naturtrüben Gerstensafts. „Heute schmecken eigentlich alle Biere immer gleich“, stellt der 36-Jährige mit dem schulterlangen roten Haarschopf fest. Diese Gefahr besteht bei den Erzeugnissen aus dem Hause Pinkus nicht. „Wir verwenden ausschließlich Naturhopfen. Den lagern wir nach der Ernte als ganze Pflanze in Säcken ein. Im Laufe des Jahres verändert sich der Hopfen in seiner Beschaffenheit und im Geschmack. Dadurch schmeckt das Bier immer anders“, erläutert Langfeld. In den meisten Brauereien wird der angelieferte Hopfen heutzutage sofort in Pulver, Pellets oder Extrakt verwandelt und fristet bis zur endgültigen Verwendung sein Dasein im Kühlhaus. Bio-Bier auch fürs AuslandZur ökologischen Brauweise ist die Familie eher zufällig gekommen. 1980 bot ein Bauer dem heutigen Seniorchef Hans Müller eine Ladung Bio-Malz an. Der probierte den Rohstoff einfach mal aus – und war vom Ergebnis des Brauexperiments äußerst angetan. Hans Müller nahm im Jahr daruf die Produktion des weltweit ersten Biobiers auf und füllte mit großem Erfolg eine Marktlücke. „Mein Schwiegervater drückt es immer so aus: Die Bio-Branche, die ja damals noch in den Kinderschuhen steckte, sog das Bier auf wie ein Schwamm“, sagt Langfeld. Das Münsteraner Traditionsunternehmen stellte nach und nach die gesamte Produktion auf Bio um und schloss bereits 1988 als erste Brauerei einen Vertrag mit Bioland, dem deutschen Verband zur Kontrolle und Förderung des ökologischen Landbaus. Mehr als 20000 Hektoliter Bio-Bier produziert die Pinkus-Brauerei im Jahr, davon werden 80 Prozent in Flaschen abgefüllt. Den Rest zapfen Münsters Wirte für Einheimische und Touristen, Studenten und Pensionäre, Geschäftsleute auf Dienstreise und Stammgäste. Pinkus Müller ist in der westfälischen Stadt ein stehender Begriff und weit über die Grenzen des Münsterlandes hinaus bekannt. Pinkus-Bier gibt es längst nicht nur in Münster zu kaufen. „Unser wichtigstes Standbein sind die Bio-Vertriebswege in Deutschland“, erklärt Brauingenieur Langfeld. „Wir beliefern knapp 30 Naturkostgroßhändler.“ Biosupermarkt-Kundinnen und -Kunden ist der ungefilterte Gerstensaft deshalb ein Begriff. „Darüber hinaus exportieren wir ein bisschen ins Ausland“, sagt Langfeld mit entwaffnendem Understatement. Etwa 12 bis 15 Prozent des produzierten Bieres finden Abnehmer in Westeuropa, den USA, Japan und einigen weiteren asiatischen Staaten. Für die Altbierküche hauptsächlich zuständig ist Langfelds Frau Barbara Müller. Die 41-jährige Braumeisterin mit den langen graumelierten Haaren und dem jugendlichen Gesicht hat die Gastronomie von ihrer Mutter übernommen. Es gibt deftige Münsterländer Kost: Töttchen, Pannekoken met Pillewörmer oder Möppkes- un Liärberbraut met Schmoräppelkes. Für Ortsfremde hält die Speisekarte netterweise eine Übersetzung bereit: Sie bestellen einfach Kalbsfleischragout, Pfannkuchen mit Schinkenstreifen oder Wurst- und Leberbrot mit Schmoräpfeln.
Den Eindruck eines weltweit agierenden Unternehmers macht auch der vierfache Vater nicht. Der große, kräftige Mann mit der grünen Brauerschürze und dem derben Schuhwerk wirkt eher wie ein Mensch, der stolz auf den erfolgreichen Familienbetrieb, aber dabei bescheiden und auf dem Boden geblieben ist. Er passt perfekt in das rustikale Ambiente der westfälischen Gaststube: In der Pinkus-Altbierküche sitzen die Gäste an schweren Holztischen, blicken auf historische Gemälde und Fotografien sowie auf Weisheiten und Sprüche, die in dunkle eichene Deckenbalken geschnitzt sind. Die urtümliche Umgebung spiegelt den urtümlichen Geschmack des Bieres wider: Das obergärige Pinkus Alt mit der goldgelben Farbe schmeckt erfrischend und würzig zugleich. Das 0,25-Liter-Glas ist in null komma nix leer und steigt bei Außentemperaturen von 25 Grad angenehm zu Kopf. Die zwei Frauen draußen auf den Bierbänken unter den cremeweißen Pinkus-Sonnenschirmen haben bereits nachbestellt. Kirsten Lange Gaststätte Pinkus Müller, Kreuzstraße 4–10, 48143 Münster, Telefon: (0251) 45151, www.pinkus.de |
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Anreise
Ein Abend bei Pinkus
Infos: Tel.: (0251) 4140333
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