Reise 1/2006VulkaneZwischen Himmel und HölleVulkane faszinieren die Menschheit seit Tausenden von Jahren. Sie zeigen, wie dünn der Erdmantel an vielen Stellen ist und wie vergänglich die Errungenschaften der Zivilisation angesichts dieser Naturgewalten immer bleiben werden. Der aktivste Vulkan Europas ist der Stromboli in Süditalien, der fast ununterbrochen Gestein und Magma aus dem Erdinneren nach oben befördert. Da er auf einer Insel liegt, die ein angenehmes Klima, schöne Lavastrände und ein weltoffenes, buntes Publikum hat, kann man dort Geologie und Urlaub wunderbar verbinden.
Es ist fünf Uhr morgens. Die große Autofähre schwimmt auf einer Insel aus Licht. Ringsherum ist es dunkel. Die Nacht ist kühl und verregnet. Verschlafen und fröstelnd, die Kapuzen der Regenjacken tief ins Gesicht gezogen, stehen die Passagiere auf dem Vorderdeck und starren in die Finsternis. Dort irgendwo muss er sein, der Vulkan. Plötzlich zeichnet sich gegen roten Feuerschein die Silhouette eines Berges in der Dunkelheit ab. Und dann – wie bei André Heller bestellt – kommt der Feuerstoß: Eine Fontäne aus glühendem Gestein schießt eindrucksvoll gen Himmel. Der Stromboli heißt seine Besucher willkommen. Urlaub auf einem aktiven Vulkan? Das klingt gefährlich. Aber als die Fähre in der Morgendämmerung am Anleger von Stromboli festmacht, ist der Vulkan erst einmal vergessen. Die Bars am Hafen haben für die frühen Gäste geöffnet. Auf der Uferpromenade duftet es nach Kaffee und frischem Gebäck. Die Neuankömmlinge lassen Koffer und Rucksäcke an der Straße stehen und gehen erst einmal frühstücken. Jetzt im Herbst kommt die große Fähre von Neapel nur zweimal die Woche herüber. Da sind alle auf den Beinen, um Reisende an Bord zu bringen, Gäste zu begrüßen oder einfach nur zu schauen, wer kommt oder wer die Insel verlässt. Ein mediterraner TraumWeiß gekalkte Häuser, leuchtend blau gestrichene Türen und Fensterläden: Der kleine Ort Stromboli am Fuß des Vulkans ist die Essenz eines Mittelmeerdorfes. Bunte Blumentöpfe zieren Treppen und Vorsprünge. In den Gärten hängen die Bäume voller Mandarinen, Orangen und riesiger Pampelmusen. In den Rabatten wachsen Kiwis und Auberginen. Jasmin-, Hibiskus-, Clematis-, Bougainvillea- und Oleandersträuche wuchern über die Gartenmauern. Ihr Duft füllt die engen Gassen und begleitet Spaziergänger auf dem Weg hinunter zum Strand oder hinauf bis an den Rand des Dorfes, wo die Macchia beginnt. „Vulkanasche ist extrem fruchtbar“, sagt Barbara, eine Österreicherin, die schon lange auf der Insel lebt und vieles von dem, was sie braucht, in ihrem üppigen Garten erntet. „Deshalb war Stromboli schon immer der Gemüsegarten der umliegenden Inseln.“ Gewohnt haben die Menschen hier lange Zeit nicht so gerne. Zu unheimlich war ihnen der ständig fauchende, krachende und Feuer speiende Vulkan. 1930 vertrieb ein großer Ausbruch die Bewohner fast völlig. Heute leben wieder etwa 400 Menschen auf Stromboli. Für die Touristen, die vor allem in den Sommermonaten die Insel bevölkern, ist der Vulkan die Hauptattraktion. VulkanbesteigungNachmittags zwischen vier und fünf Uhr ist in der kleinen Gasse zwischen Schule und Kirche die Hölle los. Hier liegt das Büro von Magmatrek, dem Exkursionsteam, das die täglichen Wanderungen zum Kraterrand organisiert. Nachdem 2002 und 2003 mehrere Explosionen, Lavaströme und größere Ausbrüche den Stromboli zu einem unberechenbaren Ungeheuer machten, hatte die Inselverwaltung die ganze Region rund um den Krater zum Sperrgebiet erklärt. Erst seit Mai 2005 dürfen die Inselgäste den Stromboli wieder besteigen, allerdings in begrenzter Zahl und nur mit Führer in organisierten Gruppen.
„Früher haben die Touristen am Kraterrand übernachtet. Es waren jeden Abend hunderte da oben. Da wäre eine Explosion eine unberechenbare Katastrophe gewesen“, sagt Magmatrek-Führer Lorenzo. „Jetzt können maximal 80 Menschen bei einem Ausbruch sterben, aber von denen haben wir die Namen und wissen, woher sie kommen.“ Vor dem großen Ausbruch 2003 führte der Aufstieg auf den Gipfel direkt am Rand der Sciara del Fuoco, der Feuerrutsche entlang, auf der die Gesteinsbrocken, die oben aus dem Krater geschleudert werden, ins Meer hinunterrollen. Den oberen Teil dieses Wegs hat die Explosion zerstört. Der neu angelegte Aufstieg führt auf der Rückseite des Vulkans steil bergan. Fast 1000 Höhenmeter müssen die Wanderer bewältigen, um vom Gipfel aus in den aktiven Krater blicken zu können. Die Wanderung selbst ist bereits ein Erlebnis. Zuerst begleiten noch Macchia und Bambusfelder den Weg. Aber die Vegetationsgrenze ist schnell überschritten. Was bleibt, ist rötlicher Fels und steile, schwarze Aschehänge. Mit jedem Höhenmeter weitet sich der Blick. Immer kleiner wird das Dorf unten. Bald reicht die Sicht bis hinüber zur italienischen Küste. Immer mehr Nachbarinseln tauchen auf, und fast meint man, im Süden auch Sizilien erkennen zu können. Die Wetterverhältnisse sind nicht gerade optimal. Entlang der Küste bilden sich Gewittertürme. Der Gipfel ist in einer dicken Wolke verborgen. „Es kann sein, dass wir gar nichts sehen“, warnt Lorenzo. „Wenn der Wind dreht, müssen wir ganz schnell runter, weil dann die giftigen Gase auf uns zutreiben. Und es kann sein, dass sich die Gewitter, die man entlang der Küste sieht, auf uns zubewegen.“ Tatsächlich wabern bald Wolkenfetzen über den felsigen Weg und verschlucken den vorangehenden Führer. Zwei Stunden Aufstieg für nichts? Der Rucksack mit dicker Jacke, Windschutz, Mütze, Wasser und Proviant lastet immer schwerer auf den Schultern. Aber kurz darauf ist die Wolkendecke durchschritten, und der Gipfel steht klar und unverhüllt gegen den Abendhimmel. Auch die Windrichtung stimmt. Lorenzo sammelt die Gruppe um sich. 800 Höhenmeter sind erreicht. Nun müssen alle die mitgebrachten blauen Helme aufsetzen. Immer noch ist von vulkanischer Aktivität nichts zu sehen. Am KraterrandDie Dämmerung ist hereingebrochen, als die Gruppe das letzte Stück des Aufstiegs in Angriff nimmt. Noch einmal geht es steil über die Felsen, dann wird der Weg flacher und führt über einen aus reiner Vulkan-asche bestehenden Grat. Und plötzlich ist er wieder da, der Stromboli. Zwei, drei Schritte noch, dann steht die Gruppe an einem steilen Abbruch und schaut direkt ins brodelnde Magma. Nicht ein großer runder Krater, sondern fünf oder sechs rot glühende Erdöffnungen tun sich dort unten auf. Gasexplosionen schießen Feuerfontänen gen Himmel, heißes Magma verteilt sich in der Umgebung und bleibt glühend liegen, springbrunnenartig sprudelt es aus den Kratern. Inzwischen ist es dunkel geworden. Der Horizont wird von Blitzen erleuchtet. Himmel und Hölle wetteifern um die Aufmerksamkeit des Beobachters. Lorenzo wird unruhig: „Zehn Minuten gebe ich euch noch, dann müssen wir runter“, sagt er. Und er erklärt: „Ein hoher, spitzer Berg mitten im Meer. Wenn der Blitz irgendwo einschlägt, dann hier.“ Das überzeugt. Der Stromboli tut alles, um in diesen zehn Minuten bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Mit lautem Fauchen schleudert er Gesteinsbrocken bis auf die Höhe der am Kraterrand sitzenden Zuschauer. „Auf der einen Seite fühlt man sich erhaben und fast allmächtig, wenn man so von oben ins Erdinnere schaut. Auf der anderen Seite weiß man, wie klein und ausgeliefert man angesichts der Kräfte ist, die da toben“, fasst eine Teilnehmerin zusammen. Nun lässt die Natur von zwei Seiten die Kräfte spielen: Wetterleuchten von oben, Feuerstöße von unten. Da hat keiner mehr etwas gegen den raschen Abstieg. Eine Stunde geht es im Dauerlauf bergab. Dann, als das rettende Dorf fast erreicht ist, öffnet der Himmel die Schleusen. Klatschnass und schwer beeidruckt sammelt sich die Gruppe im Büro von Magmatrek. Auf dem Heimweg erleuchten nur wenige Straßenlaternen das kleine Dorf. Das Gewitter ist abgezogen. Millionen Sterne stehen am Himmel. Der Vulkan liegt hinter der Bergkuppe verborgen. Aber wenn er seine Kraft auf einen einzigen Feuerstoß konzentriert, sieht man die Rauchwolke über dem Gipfel rot aufleuchten. Regine Gwinner |
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IslandEine Vulkanreise mit einem Urlaub im sonnigen Süden zu verbinden ist eine Sache. Im krassen Gegensatz dazu steht ein Vulkanurlaub im hohen Norden. Das Inselreich Island ist, was die vulkanische Aktivität angeht, fast ebenso lebendig und vielfältig wie die Liparischen Inseln. Im Jahr 2000 begann Islands größter Vulkan Hekla wieder Feuer zu spucken, nachdem er neun Jahre lang friedlich pausiert hatte. Inzwischen ist auf dieser Seite wieder Ruhe eingekehrt. Aber unter der Oberfläche ist die Erdkruste der Insel nach wie vor dünn. Ein Dauerspektakel für Touristen sind die vielen heißen Quellen, die wasserspeienden Geysire und die dampfenden Fumarolen, die man an vielen Orten der Insel findet. Was die Natur angeht, ist Island sicher einer der spektakulärsten Orte Europas. Riesige Gletschergebiete, Steilküsten, Wasserfälle, leuchtend grüne Hügel und natürlich Vulkanseen, Geysire und Strände machen jeden Spaziergang zum Ereignis. Aufgrund seiner Abgelegenheit ist Island trotzdem nicht vom Tourismus überlaufen, sondern bietet immer noch Ruhe und Abgeschiedenheit. Reiseanbieter: Viele Veranstalter haben die
kleine Insel im Katalog. Vor allem Studien- und
Wanderreiseveranstalter wie Studiosus und Wikinger steuern Island
gerne an. Wer seine Reise individuell planen möchte, kann
sich auch an Agenturen auf der Insel wenden. Die Deutsche
Dorothee Lubecki lebt auf Island und vermittelt
Tierbeobachtungen, regionalhistorische Erkundungen und
Wanderungen in der Region West Fjords. Tel.: 00354/450/3000,
Anreise: Die meisten Reiseveranstalter
verkaufen die Island-Reise inklusive Flug. Das ist schade, denn
die Reise mit Bahn und Schiff ist etwas ganz Besonderes. Mit der
Bahn geht es bis nach Dänemark, von dort mit dem Schiff
über Nacht nach Island. Infos unter www.smyrilline.de
oder unter www.nordwindreisen.de. Die Preise liegen je nach
Saison zwischen 100 und 230 Euro pro Strecke.
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