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Radfahren in Norwegen Entrückte Welt Radfahren in freier Natur boomt.
Während hierzulande viele Wege schon gut
ausgefahren sind, ist in Norwegen der Trendsport
Mountainbiken noch weniger bekannt. Dabei bietet das
Land im Norden Berge, Wildnis und Natur im
Überfluss. fairkehr-Redakteurin Uta Linnert
überwand im Sattel hohe Berge, weite Täler
und die neblige Einsamkeit von Fjell-Norwegen. |
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Zuerst ist nur ein fernes Tuckern zu hören. Mit dem langsam näher kommenden Motorengeräusch treten bunte Outdoorjacken und -hosen aus dem Nebel hervor. Eine Gruppe wetterfest vermummter Gestalten steht mit Riesenrucksäcken bepackt an Bord eines schmalen Schiffchens, das erst kurz vor dem Anlegen aus dem Grau auftaucht. Am Bug weht die Fahne Norwegens.
Die Bitihorn, Nordeuropas höchstgelegenes Fährschiff, macht heute die letzten Fahrten. Immer am zweiten Sonntag im September stellt die regionale Busgesellschaft, der das 22-Meter-Schiff gehört, den Betrieb auf dem 1060 Meter hoch gelegenen Bygdin-See ein. Die Sommersaison in Fjell-Norwegen ist kurz. Nur an 65 Tagen im Jahr bringen Kapitän Bjarne Gausdal und sein Schiffsjunge Magnus Kvarne zweimal täglich Ausflügler über den 33 Kilometer langen See von Bygdin durchs Hochgebirge nach Eidsbugarden und zurück. Die restliche Zeit hat das rauhe Klima die Bergwelt der Region Valdres in Mittelnorwegen fest im Griff.
Heute soll es also noch einmal hin und her gehen. Am Anleger in Bygdin warten neben einigen Fußgängern zehn deutsche Frauen und Männer mit Mountainbikes erwartungsvoll auf die Überfahrt. Hinter dem See liegt noch eine 23 km-Radetappe zum nächsten Quartier vor ihnen und einen anderen Weg als übers Wasser gibt es nicht. Magnus Kvarne zurrt die Räder auf dem Vorderdeck fest und verstaut Taschen und übriges Gepäck zum Schutz gegen Wasser unter einer Plane. Nur an Ablegen ist vorerst nicht zu denken: Der dichte Nebel hat Wasser, Himmel und Berge in ein undurchdringliches Grau getaucht. „Die ersten fünfzehn Minuten müssen wir auf Sicht fahren, immer entlang der grünen Stangen,“ erklärt der 21-jährige Magnus, der mal Nachfolger von Kapitän Gausdal werden soll, die Situation. „Die Fahrt durch die enge Passsage ist einfach zu gefährlich.“
Nur einmal in diesem Sommer konnte Kapitän Gausdal wegen schlechten Wetters nicht ablegen. Der Pensionär, der früher Kapitän auf einem großen Fährschiff war, macht diesen Drei-Monats-Job auf der Bitihorn seit sechs Jahren. Fahrradfahrer nimmt er regelmäßig mit, und in dieser Saison, schätzt er, waren es vielleicht hundert. Mountainbiken ist in Norwegen noch kein Massensport. Eine der wenigen Reiseveranstalter, die Radtouren hier oben im Fjell anbieten, ist Britt Elton. 16 anspruchsvolle Mehrtagestouren für Individualreisende hat die Norwegerin bei „Trollsykling“ im Programm. „Es ist für jeden etwas dabei – die Touren haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade,“ sagt die Firmenchefin. Wer bei ihr bucht, erhält alle nötigen Karten- und Infomaterialien der Region. Britt reserviert Hotels oder Schlafplätze auf Hütten, und in Ausnahmefällen sorgt sie auch für den Gepäcktransport. An diesem Wochenende fährt die durchtrainierte 60-Jährige wieder mal selbst auf dem Mountainbike mit, um den deutschen Radfahrern die Schönheit und unbegrenzten Möglichkeiten ihrer wilden Heimat zu zeigen. Eine Fährfahrt über den Bygdin-See, an dessen Ufer es keinen passierbaren Weg gibt, gehört zu den Höhepunkten ihres Programms. Endlich soll es losgehen. Der Nebel ist zwar noch genauso dicht wie vor einer Stunde, aber Kapitän Gausdal wird langsam ungeduldig. Einige Wanderer haben das Boot bereits verlassen und ihre Tour abgebrochen. Magnus macht die Leinen los, und der Kapitän stochert durch die Nebelsuppe langsam voran zur ersten grünen Stange. Die Durchfahrt zwischen den Felsen ist hier nur wenige Meter breit. 13 Menschen stehen auf dem Bug der Bitihorn und halten angestrengt Ausschau nach der nächsten Stange. Zu sehen ist nichts. „Die Prospekte der Norwegen-Werbung zeigen immer Sonnenschein und tiefblauen Himmel, aber ist nicht das hier Norwegen?“, schwärmt Skandinavien-Kenner Lutz, der schon viele Male das Land bereist hat. Schließlich hat auch Norwegens Nationaldichter Henrik Ibsen im Peer Gynt genau dieser Stimmung ein Denkmal gesetzt: „Alles ist wider mich eifernd im Werk, Himmel und Wasser und Wald und Berg! Der Nebel möcht’ am liebsten ein Brett werden, der tückische Bergsee sein Totenbett werden.“ Diese Landschaft hier muss Ibsen vor Augen gehabt haben. Die höchsten Gipfel Skandinaviens verbergen sich unsichtbar hinter Wolken und Nebel. Ein Blick in die Radkarte zeigt, dass der Jotunheimen Nationalpark mit seinen 2500 Meter hohen Bergen unmittelbar an den Bygdin-See grenzt.
Rundherum Wildnis An seiner tiefsten Stelle ist der Bygdin 256 Meter tief und zwei Kilometer breit. Hier ist er flach und eng. Die ersten Granitfelsen hat die Bitihorn noch knapp passiert, jetzt scheint der Kapitän die Orientierung verloren zu haben. Er steuert geradewegs auf ein im letzten Moment sichtbar werdendes Ufer zu. Wildes Gestikulieren seines aufgeregten Schiffsjungen können es nicht verhindern: Die Bitihorn sitzt auf Grund. Gott sei Dank haben die Gletscher der letzten Eiszeit nicht nur scharfe Felsbrocken und Geröll zurückgelassen, sondern am Grunde des Sees auch schöne runde Kiesel, aus denen das Schiffchen nach einigem Manövrieren unbeschadet frei kommt. Plötzlich einsetzender
kräftiger Regen hebt den Nebel auf Wolkenhöhe
und gibt zum ersten Mal an diesem Tag die Sicht auf den
weiten See frei. Wir befinden uns oberhalb der
Baumgrenze. Steil ragen kahle Felswände aus dem
Wasser, an deren Abbrüchen sich Bäche zu Tale
stürzen. Jetzt erst ahnen wir, in welch grandioser
Wildnis wir unterwegs sind. Das Außenthermometer
zeigt 7°C. 180 km nördlich von Oslo und 1000
km nördlich von Köln rückt die vertraute
Welt weit weg.
In Eidsbugarden angekommen schwingen wir uns endlich in die Sättel. Jetzt erst mal in Tritt kommen. Zwei bis drei Stunden Fahrt liegen vor uns. Nichts zu hören außer dem Keuchen des Vordermannes und dem Rollen der Profilreifen im nassen Split. Der ungeteerte Fahrweg zieht sich bergauf am See entlang. Der Atem wird kürzer, das Herz fängt an zu rasen. Der Gegenwind bremst und eisige Tropfen treffen wie Nadelstiche ins Gesicht. Der See heißt jetzt Tyin und zeigt nach Süden. An seinem Ufer stehen die Holzhäuser, in denen der Norweger sein Wochenendglück findet. „Wie machen die das nur immer bei der Tour de France?“, ruft es von hinten, während die Tempomacher vorne mit kräftigen Tritten in die Pedale das Windschattenfahren proben. Die Vorstellungen darüber, was Radfahren ist, gehen in der Gruppe auseinander. Volker ist Mountainbike-Profi. Gestählt von Ausritten über heimisches Mittelgebirge und Alpenpässe, gekleidet im funktionalen Biker-Outfit, ist der hagere 62-Jährige aus Süddeutschland immer der erste am Berg. Für die Jüngeren hat er höchstens einen väterlichen Rat über den richtigen Antritt parat. Die Alltagsradler fahren dagegen so wie zu Hause: mit Regenjacke, ohne Gel-Einsatz in der Radlerhose, und manchmal kommen sie etwas langsamer voran. So zieht sich eben mit der Zeit das Feld etwas auseinaner. Dicke Tropfen fallen immer
wieder aus düsteren Wolken. Trocken ist nach
einigen steilen Anstiegen niemand mehr. „Es ist
also völlig egal, ob der Körper vom Schwitzen
nass ist oder Regenwasser durch die Outdoor-Schichten
nach innen sickert,“ tröstet sich
Schlusslicht Silvia, die als Trainingsvorbereitung nur
den Arbeitsweg mit dem Rad durch den Berliner
Großstadtdschungel vorzuweisen hat. „Man muss auch leiden können“, sagt Britt am nächsten Tag als die Sonne durchkommt und alle ständig anhalten, um eine Jacke mehr aus- oder bei Gegenwind wieder anzuziehen. Nicht jeder hat soviel Biss wie sie in diesen Tagen, aber alle kommen durch. Keine Stürze in Pfützen, über Wurzeln oder Eiszeitgeröll, keine Muskel- oder Heulkrämpfe. „Und für die Fotos bei blauem Himmel müsst ihr eben wiederkommen“, wirbt Britt. Sehr gute Idee: Am 1. Juli nimmt die Bitihorn ihren Fährbetrieb wieder auf. Uta Linnert
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