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Das im 20. Jahrhundert geprägte Wort Mobilität
ist eine der schillerndsten Vokabeln der Moderne, es erfüllt
alle Kriterien für die Zugehörigkeit der von Uwe Pörksen
so definierten Gruppe der Plastikwörter: Obwohl kaum jemand
genau weiß, was es bedeuten soll, sind die Versuche zahllos,
Mobilität als ein menschliches Grundbedürfnis zu definieren,
ja sogar als unverzichtbaren Teil menschlicher Existenz in die
Verfassung eintragen zu wollen.
Das Wörterbuch der Gebrüder Grimm, dessen Buchstabe
M erst 1885 im Nachgang von M. Heyne bearbeitet erschien, kennt
den Begriff Mobilität gar nicht, bei mobil fiel
einem damals bestenfalls das Militär ein, das mobil macht,
sich in marschfertigen Stand versetzt. Auch Worte,
die dieses Abstraktum ersetzen könnten, finden sich nicht.
Nun könnte man meinen, es müsse ja den Menschen vielleicht
über Jahrtausende hinweg nur nicht eingefallen sein, dass
sie ein Grundbedürfnis hätten: Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit, Herumfahren?
Tatsächlich? Zwischen Platon und Kant (der sein ganzes Leben
in Königsberg zubrachte, was seinen Gedanken nicht sehr schadete)
verdrängt, heute aber klar sichtbar, die Mobilität
als Wort für die ständige Abwesenheit von einem Ort,
die ständige Sucht nach dem anderen?
Die Forschung im Bereich der historisch noch sehr jungen Verkehrsplanung,
die sich mit dem Herumbewegen befasst, ist sich jedenfalls bis
heute nicht einmal einig, was Mobilität überhaupt ist:
Ist mobil, wer pro Jahr viele Kilometer zurücklegt, oder
jener, der in möglichst kurzer Zeit viele Geschäfte
oder Freizeiteinrichtungen erreichen kann: Letztere Definition
macht einen Bewohner einer dicht besiedelten Stadt ohne Auto weit
mobiler als einen Flugzeugbesitzer in Grönland.
In einem sind sich Verkehrsfachleute aber immerhin relativ einig,
dass Verkehr kein Selbstzweck, sondern Folgeerscheinung moderner
Gesellschaften sei, die sich immer arbeitsteiliger und ohne Rücksicht
auf Distanzen organisieren. Ortsveränderungen sind also ein
Aufwand, ein Abfallprodukt oder ein Betriebsmittel dieser Lebensform.
Das Aufkommen an Verkehr wäre danach, wie der Verbrauch an
Elektrizität oder unser Volumen an Müll, ein Produkt,
das wir nicht aus unvermeidlichem menschlichen Drang erzeugen,
sondern um andere (wirkliche) Notwendigkeiten damit zu realisieren.
Soweit einige scheinbar rationale Elemente. Aber damit ist es
kaum zu verstehen, in welcher Form sich speziell in Deutschland
die Köpfe heißgeredet werden und wurden, speziell um
das Objekt Auto: Eine Debatte, die sowohl von Befürwortern
wie auch von Gegnern mit unerbittlicher Moral und Rechthaberei
geführt wird. Was bewegt Menschen, und diese Diskussion ist
tatsächlich von Juristen geführt worden, die das Recht
auf das Herumfahren gar in die Verfassung nehmen wollen?
Es ist kein Naturtrieb, sich ständig fremdgetrieben zu bewegen,
es ist Teil eines Lebensstils, aus dem Ausbrechen manchmal schwer
ist, vor allem wenn die Gesellschaft sich nach ihm organisiert.
Ja, es ist nicht nur ein Lebensstil, sondern eine ganze Kulturform,
die auch mit Prestige und Herrschaft zu tun hat. Es sind bewegende
Momente, wenn ein Minister als erste Amtshandlung, wie einst bei
Antritt der rechtsgerichteten Regierung in Österreich geschehen,
auf einem Jaguar als Dienstwagen besteht. Gerade schwache Identitäten
gewinnen ja ungemein, wenn sie durch Flugzeuge, Hubschrauber oder
teure Automobile ihre ständige Notwendigkeit an allen Orten
präsent zu sein, demonstrieren. Der Drang nach Überallität,
der Präsenz zu jeder Zeit an jedem Ort, bestimmt unsere Zeit.
Rudolf Wendorffs immer noch eindrucksvolles Buch über Zeit
und Kultur" zeigt aber auch Menschen, Gegenden und Geschichtsphasen,
die eher auf die Nähe orientieren. Die Basisentwicklung der
europäischen Stadt war zweifelsohne auf Handwerk, Kleinteiligkeit
und Nähe gerichtet. Wäre der heutige, europäische
Lebensstil Grundbedürfnis, so müßte
er über Zeit und Raum exportierbar sein, Grundrecht für
alle werden können.
Während von sechs Milliarden Menschen drei Milliarden mit
weniger als 2$ pro Tag auskommen müssen, und die Mitmenschlichkeit
gegen die Börsenkurse zunehmend verliert, stellt sich die
Frage, ob diese Welt nicht andere Probleme hat, als die Zukunft
auf Mobilität aufzubauen. Wer heute unbedacht Grundbedürfnisse
definiert und vorschreibt, läßt auch der Zukunft keinen
Spielraum. Wer sich darauf beschränkt, eine emotional geprägte
Ausdrucksform moderner Gesellschaften quasi als ewiges Symbol
vor sich herzutragen, zeigt, wie man dem Wahnsinn näher kommen
kann.
Hat Mobilität nun etwas mit Wohlstand zu tun? Hier haben
wir ein sehr viel älteres Wort als das Modewort Mobilität,
und das, so verrät uns ebenfalls der Grimm, löste
Assoziationen wie Gesundheit, gute Lebenskultur und soziales Verhalten
aus. Eine solche Form von Wohlstand war auch mit Generosität
gegenüber Dritten verbunden. Wohlstand bedeutete jedoch nicht,
was wir heute mit ihm in Verbindung bringen: Jede Menge Geld.
Und, von Mobilität war auch hier nie die Rede.
Helmut Holzapfel ist Professor für Verkehrsplanung an
der Universität Gesamthochschule Kassel, Lebensstilforscher
und Mitglied des wissenschaftlichen
Beirats des VCD.
Helmut Holzapfel
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