Drang nach Überallität

 

Foto: Marcus Gloger

 

Das im 20. Jahrhundert geprägte Wort „Mobilität“ ist eine der schillerndsten Vokabeln der Moderne, es erfüllt alle Kriterien für die Zugehörigkeit der von Uwe Pörksen so definierten Gruppe der Plastikwörter: Obwohl kaum jemand genau weiß, was es bedeuten soll, sind die Versuche zahllos, Mobilität als ein menschliches Grundbedürfnis zu definieren, ja sogar als unverzichtbaren Teil menschlicher Existenz in die Verfassung eintragen zu wollen.

Das Wörterbuch der Gebrüder Grimm, dessen Buchstabe M erst 1885 im Nachgang von M. Heyne bearbeitet erschien, kennt den Begriff „Mobilität“ gar nicht, bei mobil fiel einem damals bestenfalls das Militär ein, das mobil macht, sich in „marschfertigen Stand“ versetzt. Auch Worte, die dieses Abstraktum ersetzen könnten, finden sich nicht. Nun könnte man meinen, es müsse ja den Menschen vielleicht über Jahrtausende hinweg nur nicht eingefallen sein, dass sie ein Grundbedürfnis hätten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Herumfahren?

Tatsächlich? Zwischen Platon und Kant (der sein ganzes Leben in Königsberg zubrachte, was seinen Gedanken nicht sehr schadete) verdrängt, heute aber klar sichtbar, die „Mobilität“ als Wort für die ständige Abwesenheit von einem Ort, die ständige Sucht nach dem anderen?

Die Forschung im Bereich der historisch noch sehr jungen Verkehrsplanung, die sich mit dem Herumbewegen befasst, ist sich jedenfalls bis heute nicht einmal einig, was Mobilität überhaupt ist: Ist mobil, wer pro Jahr viele Kilometer zurücklegt, oder jener, der in möglichst kurzer Zeit viele Geschäfte oder Freizeiteinrichtungen erreichen kann: Letztere Definition macht einen Bewohner einer dicht besiedelten Stadt ohne Auto weit mobiler als einen Flugzeugbesitzer in Grönland.

In einem sind sich Verkehrsfachleute aber immerhin relativ einig, dass Verkehr kein Selbstzweck, sondern Folgeerscheinung moderner Gesellschaften sei, die sich immer arbeitsteiliger und ohne Rücksicht auf Distanzen organisieren. Ortsveränderungen sind also ein Aufwand, ein Abfallprodukt oder ein Betriebsmittel dieser Lebensform. Das Aufkommen an Verkehr wäre danach, wie der Verbrauch an Elektrizität oder unser Volumen an Müll, ein Produkt, das wir nicht aus unvermeidlichem menschlichen Drang erzeugen, sondern um andere (wirkliche) Notwendigkeiten damit zu realisieren.

Soweit einige scheinbar rationale Elemente. Aber damit ist es kaum zu verstehen, in welcher Form sich speziell in Deutschland die Köpfe heißgeredet werden und wurden, speziell um das Objekt Auto: Eine Debatte, die sowohl von Befürwortern wie auch von Gegnern mit unerbittlicher Moral und Rechthaberei geführt wird. Was bewegt Menschen, und diese Diskussion ist tatsächlich von Juristen geführt worden, die das Recht auf das Herumfahren gar in die Verfassung nehmen wollen?

Es ist kein Naturtrieb, sich ständig fremdgetrieben zu bewegen, es ist Teil eines Lebensstils, aus dem Ausbrechen manchmal schwer ist, vor allem wenn die Gesellschaft sich nach ihm organisiert. Ja, es ist nicht nur ein Lebensstil, sondern eine ganze Kulturform, die auch mit Prestige und Herrschaft zu tun hat. Es sind bewegende Momente, wenn ein Minister als erste Amtshandlung, wie einst bei Antritt der rechtsgerichteten Regierung in Österreich geschehen, auf einem Jaguar als Dienstwagen besteht. Gerade schwache Identitäten gewinnen ja ungemein, wenn sie durch Flugzeuge, Hubschrauber oder teure Automobile ihre ständige Notwendigkeit an allen Orten präsent zu sein, demonstrieren. Der Drang nach Überallität, der Präsenz zu jeder Zeit an jedem Ort, bestimmt unsere Zeit.

Rudolf Wendorffs immer noch eindrucksvolles Buch über „Zeit und Kultur" zeigt aber auch Menschen, Gegenden und Geschichtsphasen, die eher auf die Nähe orientieren. Die Basisentwicklung der europäischen Stadt war zweifelsohne auf Handwerk, Kleinteiligkeit und Nähe gerichtet. Wäre der heutige, europäische Lebensstil „Grundbedürfnis“, so müßte er über Zeit und Raum exportierbar sein, Grundrecht für alle werden können.

Während von sechs Milliarden Menschen drei Milliarden mit weniger als 2$ pro Tag auskommen müssen, und die Mitmenschlichkeit gegen die Börsenkurse zunehmend verliert, stellt sich die Frage, ob diese Welt nicht andere Probleme hat, als die Zukunft auf Mobilität aufzubauen. Wer heute unbedacht Grundbedürfnisse definiert und vorschreibt, läßt auch der Zukunft keinen Spielraum. Wer sich darauf beschränkt, eine emotional geprägte Ausdrucksform moderner Gesellschaften quasi als ewiges Symbol vor sich herzutragen, zeigt, wie man dem Wahnsinn näher kommen kann.

Hat Mobilität nun etwas mit Wohlstand zu tun? Hier haben wir ein sehr viel älteres Wort als das Modewort Mobilität, und das, so verrät uns ebenfalls der „Grimm“, löste Assoziationen wie Gesundheit, gute Lebenskultur und soziales Verhalten aus. Eine solche Form von Wohlstand war auch mit Generosität gegenüber Dritten verbunden. Wohlstand bedeutete jedoch nicht, was wir heute mit ihm in Verbindung bringen: Jede Menge Geld. Und, von Mobilität war auch hier nie die Rede.

 

Helmut Holzapfel ist Professor für Verkehrsplanung an der Universität Gesamthochschule Kassel, Lebensstilforscher und Mitglied des wissenschaftlichen
Beirats des VCD.

Helmut Holzapfel

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