Der dunkle Weg zum Licht

Jeder dritte Radler ist nachts lichtlos unterwegs – weil sein Dynamo defekt ist oder sein Velo gar keine Lichtanlage hat. Wer Abhilfe schaffen will, verfährt sich auf dem Weg zur optimalen Lichtanlage leicht in finsteren Sackgassen.

 

Fotos: Bernd Kastner

 

Der Weg ist das Ziel. Leider nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn er, der Weg, weit und dunkel ist. Wie für viele Radler der Weg zum Licht. Hand aufs Herz: Sind Sie nicht auch erst neulich lichtlos durch die Nacht geradelt? Weil das Birnchen kaputt war. Oder weil es geregnet hat und der Dynamo durchgerutscht ist? Oder weil Sie gar kein Licht am Rad haben? Jeder dritte Radfahrer, schätzen Experten, ist nachts ohne Licht unterwegs. Wer wollte dem widersprechen, gerade jetzt, da die Tage kurz und die Radler gefährlich sind – für sich selbst und für andere. Nichts ist häufiger defekt an einem Fahrrad als die Beleuchtung. Und anders als ein Plattfuß zwingt das kaputte Licht nicht zum Reparieren.

Beginnen wir mit einem Selbstversuch. Eigentlich hat unser Fahrrad, vor sieben Jahren für gut 2000 Mark gekauft, alles Nötige: Seitendynamo, Rücklicht, Scheinwerfer und die nötigen Kabel. Trotzdem radelt seit Wochen unser schlechtes Gewissen mit durch die nächtliche Stadt, weil der Scheinwerfer alle paar Meter aussetzt und erst nach dem nächsten Schlagloch für ein paar Sekunden scheinen will. Was haben wir nicht schon alles probiert: zweiadrige Kabel verlegt, um den Rahmen als Risiko für den Stromfluss auszuschalten, einen neuen Scheinwerfer mit Standlicht gekauft und und und. Irgendwann ist der Wackelkontakt weg, doch jetzt funzelt die Leuchte nur noch. Es reicht! Wir beschließen, wenn es sein muss, eine komplett neue Lichtanlage zu kaufen, koste es, was es wolle.

Aber welche? In der hellen Herbstsonne tingeln wir durch das schöne München. Am Ende des Tages sind es sieben Fahrradhändler, denen wir unser Problem geschildert haben, und mindestens sieben Empfehlungen, die wir von den Profis bekommen haben. Batterieleuchten empfiehlt der eine, immer ein Ersatzbirnchen dabei zu haben der andere. Speichendynamo schlägt der Dritte vor, Standlicht der nächste. Numero fünf empfiehlt einen neuen Seitendynamo für 40 bis 50 Mark, Numero sechs einen für 16,95 plus Rücklicht für 6,95. Und der Siebte schwört auf Nabendynamos für runde 300 Mark.

Speichendynamos (li.) sind wesentlich weniger störanfällig als herkömmliche Seitendynamos (re.).

 

Es gibt nichts Perfektes

Welcher Weg führt tatsächlich zum Licht und welcher nur in eine finstere Sackgasse? Wie hat einer, Numero drei oder vier war es, gesagt und uns ausgelacht: „Es gibt nichts Perfektes.“ Das hatten wir geahnt, das macht aber auch stutzig: Da baut sich der Mensch mittlerweile Raumstationen im Weltall, macht Touristen alltauglich – aber untauglich scheinen all die Fahrradlichter zu sein. Das mag nicht einleuchten.

Andreas Walz verkauft „Feine Fahrräder“ in seinem Laden und nickt. „Ja, sagt er, die Firmen tun zu wenig für eine optimale Beleuchtung.“ Das liege, erklärt er, an der mangelnden Nachfrage. Die Nachfrage? Zu gering? Na klar, der Durchschnittsradler fahre doch nur bei Tag und Sonnenschein, vermisse also – selbst wenn offiziell auch bei Tag vorgeschrieben – das Licht nicht. Die Folge: Keine Massenproduktion hochwertiger Anlagen, das wirklich Gute sei sehr teuer, und das wiederum kaufe kaum jemand. Wer, fragt Walz, sei denn bereit, 300 Mark für einen Nabendynamo der Firma Schmidt, den „Rolls Royce unter den Dynamos“, auszugeben?

Und dann gibt es ja noch die Gesetze und Verordnungen, die viel vorschreiben, aber wenig helfen. Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) heißt das Schriftstück, in dem genau geregelt ist, was ans Fahrrad darf, und damit – das sagt nicht nur Walz – Innovation hemme. Bernd Sluka, Fahrradexperte des VCD, bringt es auf den Punkt: „Es wird zwar genau vorgeschrieben, was an Strom rein muss in die Lichter und Leuchten. Aber nicht, was an Licht raus kommen muss.“

Das äußert sich dann zum Beispiel im Nicht-Zulassen von Batterieleuchten für Normalräder. Dabei sind genau diese am einfachsten zu montieren, ohne jeden Kraftaufwand zu betreiben und am wenigsten störanfällig: Kein rutschender oder ratternder Dynamo, keine Kabel und keine Kontakte. Helles Licht auf Knopfdruck, wie bei einer Taschenlampe. Warum, fragen wir im Bundesverkehrsministerium nach, warum sind sie dann nicht erlaubt? Man könne, heißt es dort, so eine Lampe ja auch mal zu Hause vergessen, schließlich ist sie abnehmbar. Oder der Saft könnte auf der Strecke ausgehen. Also darf nur batteriebeleuchtet radeln, wer auch eine funktionierende Dynamoanlage montiert hat. Wenn nicht, kann ein Batterielichtradler wie ein normaler „Schwarzradler“ mit 20 Mark Bußgeld zur Kasse gebeten werden.

Hauptsache, es brennt

„Ach“, sagt der Fahrradhändler Numero vier, der gerade eine Batterieleuchte wärmstens empfohlen hat, „das ist der Polizei doch egal.“ Die sei froh, wenn überhaupt was brenne. Sogar im Polizeipräsidium habe er nachgefragt, ob er als Händler vielleicht Schwierigkeiten kriege, wenn er Batterieleuchten empfehle und verkaufe. Machen Sie sich da mal keine Sorgen, habe der Polizist gesagt.

Wenig Sorgen machen sich offenbar auch die Hersteller dieser Leuchten. „Als alleinige Beleuchtung nur zulässig bei Rennrädern bis 11 Kilogramm bzw. Geländewettkampfrädern bis 13 Kilogramm“, schreibt etwa die Firma Busch und Müller, eine der größten deutschen Fahrradlichthersteller, im Kleingedruckten ihres Prospektes. Es folgt eine Fußnote: „Aktuelle Gesetzeslage beachten!“ Na ja, räumt Norbert Roth von Busch und Müller auf Nachfrage ein, genau genommen seien die Batterieleuchten auch bei Mountainbikes bis 13 Kilo nicht erlaubt, aber eine neue StVZO komme bestimmt, in ein paar Jahren wohl, und dann werde das bestimmt erlaubt.

Prinzip Hoffnung

Was dann besser wird, muss sich zeigen. Neue Vorschriften werden aber kaum die Tücken auch der derzeit offenbar besten und sichersten Lichtanlagen lösen: Eine Batterieleuchte ist immer auf volle Batterien oder Akkus angewiesen. Letztere werden ohne lange Vorwarnung plötzlich leer, die Leistung von Batterien lässt bei Kälte stark nach. Und über die Investition in einen Nabendynamo ärgert man sich spätestens dann, wenn er tatsächlich einmal defekt ist – und man tagelang ohne Vorderrad dasteht.

Hoffen lässt da allenfalls ein Blick über den Atlantik. Ingenieure der University of Florida haben ein Fahrrad entwickelt, dessen Rahmen und Räder im Dunkeln selbstständig leuchten. Elektroluminiszierende Elemente, wie sie auch in Armbanduhren sind, lassen das Fahrrad angeblich schon in 180 Meter Entfernung erkennen. Dumm nur, dass auch dafür eine Batterie nötig ist, die Anlage 1500 Dollar kostet und es eine deutsche Straßenverkehrszulassungsordnung gibt.

Der Weg zum Licht bleibt für Radler also dunkel und verschlungen.

Bernd Kastner

 

 

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