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Geniess es! Es sind die letzten Sekunden. Manuels
Ruf schallt weit durch die Abendluft des engen grünen Tals
auf der Schwäbischen Alb. Noch schwebt Saki, der Pilot des
Gleitschirms, einige Meter über dem Boden. Ruhig richtet
er sich in der Luft aus seiner Sitzposition auf, zieht die Bremsleinen
ganz herunter und landet vorwärts laufend sicher auf dem
Gelände. Der Gleitschirm sinkt hinter ihm auf die Wiese,
das Nylongewebe raschelt. Saki dreht sich aus den Steuerleinen
des Schirmes heraus, rafft sie zusammen und nimmt den Helm ab.
Kurz danach kommt der nächste Gleitschirm angeflogen. Schwungvoll
nimmt der Pilot die Kurve und legt sich mit seinem Körpergewicht
so stark hinein, dass er in den Leinen hängt wie in einem
Kettenkarussell. Das sieht doch sehr nach Christoph aus.
Der macht wieder einen extra Schlenker, lauten die Kommentare
der Leute, die unten stehen.
Nach fünf Tagen kennen sie sich schon ganz
gut, die beiden Fluglehrer Thomas und Tommy, die acht Teilnehmer
und Gruppenleiter vom BDKJ, dem Bund der deutschen katholischen
Jugend. Christoph ist zwar offiziell der Gruppenleiter, praktisch
organisiert sich die Gruppe aber selbst und trifft alle Entscheidungen
gemeinsam. Alle nehmen das erste Mal an einer BDKJ-Reise teil.
Bei der Schwester einer Freundin habe ich zufällig
das Programm gesehen, sonst hätte ich wohl nie von dieser
Reise erfahren, erzählt die neunzehnjährige Schülerin
Simone und auch den anderen Teilnehmer ging es ähnlich. Besonders
gut findet Simone, dass das BDKJ speziell für die Altersgruppe
junger Erwachsener zwischen 18 und 27 Jahren Reisen anbietet.
Heb doch einfach mal ab, lautet das Motto der Reise
mit Kompaktkurs im Fliegen. Am Ende erhält jeder Teilnehmer,
der mindestens vierzig Flüge gemacht hat, einen Nachweis
über seine Flüge. Der Lernausweis wird vom zuständigen
Verband, dem Verband deutscher Hängegleiter anerkannt und
ist Voraussetzung für den Erwerb von weiterführenden
Scheinen.

Ruhepause: Simone erholt sich vom Aufstieg
auf den Übungshang
Mit dem BDKJ hatten die jungen Leute vor ihrer Reise
noch nichts zu tun. Und auch mit der religiösen Ausrichtung
des Veranstalters haben sie nichts am Hut, für sie war der
vergleichsweise günstige Preis der Reise ausschlaggebend
und natürlich der sportliche Aspekt. Solange
ich jung bin, will ich möglichst viel ausprobieren. Mit 30
ist man doch zu alt dazu, sagt beispielsweise Stefan selbstbewußt.
Der sportliche Maschinenbaustudent gehört zu dem einzigen
Grüppchen unter den Teilnehmern. Gemeinsam mit seinen beiden
Freunden Achim und Saki, die er noch aus der Schule kennt, ist
er aus Essen angereist. Die drei freuen sich seit Monaten auf
den Kurs.
Kein Spaß ohne Schweiß
Und der Sport verlangt den Teilnehmern einiges ab: Freiwillig
stünde wohl keiner im Urlaub morgens um sieben Uhr auf, um
nach Katzenwäsche und einem schnellen Frühstück
um acht Uhr am Übungshang zu stehen. Als an einem Morgen
nicht geflogen werden kann, weil der Wind aus der falschen Richtung
kommt, sind alle froh, sich wieder in die Betten legen zu können.
Besonders, weil der Abend vorher mit Grillen und Feiern spät
zuende ging. Ich glaube, ich brauche nach dieser Woche erst
mal Erholung, so wenig wie ich hier zum Schlafen komme,
meint Stefan. Das Fliegen bestimmt den Tagesrhythmus: Unter Leitung
der beiden Fluglehrer findet der Kurs immer vormittags statt,
bis die Sonne die Luft so stark erwärmt hat, dass zuviel
Wind aufkommt. Der zweite Übungsblock folgt ab sechs Uhr
abends bis zur Dunkelheit. Bis dann die gesamte Ausrüstung
eingepackt ist, kann es schon mal zehn Uhr werden, bevor der gemütliche
Teil des Abends beginnt und erst um drei Uhr in der Nacht
liegen alle in den Betten der Pension.
In den freien Mittagsstunden macht jeder, wozu er Lust hat. Aus
einem Zimmer der Jungs dröhnt laut der Rhythmus eines Fernsehmusiksenders.
Simone und Regina, die beiden einzigen Mädchen des Kurses,
liegen gerne auf dem Bett und schauen sich die Nachmittagsshows
im Fernsehen an. Die beiden amüsieren sich prächtig
über die gesendeten Themen und die Fernsehgäste. Zuhause
habe ich keine Zeit, mir so was anzuschauen. Hier finde ich es
richtig lustig, meint die 22-jährige Regina, die als
Erzieherin in einem SOS-Kinderdorf am Bodensee arbeitet. Die gelegentlichen
Sprüche der männlichen Übermacht der Gruppe lassen
die Mädels kalt. Achselzucken und Augenverdrehen bleiben
meist die einzigen Reaktionen.
Der Check vor dem Flug
Beim Fliegen geht es sehr kameradschaftlich zu. Zwar fliegt
jeder alleine, aber das Auslegen des Schirmes oder das Entwirren
der Steuerleinen ist viel schneller erledigt, wenn sich alle gegenseitig
helfen, sagt Fluglehrer Tommy. Die ersten beiden Tage wird
noch nicht vom Boden abgehoben. Zunächst müssen sich
alle mit dem Gleitschirm und den Startvorbereitungen vertraut
machen. Wie muss der Schirm liegen, wie werden die Leinen entwirrt
und das Gurtzeug befestigt? Die Erklärungen der Fluglehrer
werden Stück für Stück in die Tat umgesetzt und
ausprobiert. Helm und Rückenprotektoren sind Pflicht, ebenso
hohe Schuhe zum Schutz der Fußgelenke.

Gemeinsam geht es schneller: Stefan und Regina
etwirren die Steuerleinen eines Gleitschirms.
Also, jetzt gehts los: Volle Konzentration, tief
durchatmen und laufen. Schirm kontrollieren, Bremse anziehen und
laufen, schneller laufen, noch schneller laaaaaufen, Tommy
steht oben bei den Startenden. Allen hilft er bei den Vorbereitungen
und ruft ihnen Tipps hinterher, so als wolle er die Schüler
durch seine Stimme in die Luft bringen. Bei einigen klappt es:
Sie heben ab und schweben einige Meter den Hang hinunter. Unten
steht Thomas, der den Fliegenden mit erhobenen Armen zeigt, welche
Bewegungen sie machen sollen. Andere rennen den Hang hinunter,
heben aber nicht ab. Einige kommen beim Laufen ins Stolpern und
legen filmreife Stürze hin. Auch die Landungen fallen nicht
immer aus wie geplant. Aufsetzer auf Knien, Bauch und Po gibt
es zu bewundern. Aber keiner tut sich weh oder verletzt sich und
so wird viel gemeinsam gelacht.
Warum mache ich das bloß? Jeder stellt diese
Frage im Laufe der Woche mindestens einmal meistens auf
dem Weg den Übungshang hinauf. Das Schleppen von Ausrüstung
und Gleitschirm ist anstrengend und schweißtreibend. Aber
die schnellen Fortschritte beim Gleitschirmfliegen entschädigen
die Gruppe für die anfänglichen Pannen und Missgeschicke.
Vor jedem Flug ist mir flau im Magen. Aber wenn ich in der
Luft bin, ist das vergessen, schwärmt Saki. Er ist
immer mit dabei, wenn es darum geht, noch ein paar Meter höher
zu klettern um länger in der Luft zu sein. Und jeden Tag
geht es ein Stück weiter den Hang hinauf. Die höchste
Stelle des Übungshanges bei Wiesensteig ist sechzig Meter
hoch. Wer von hier startet, hat auch ein eigenes Funkgerät
und hört so die Anweisungen von Thomas. Mensch, noch
vor zwei Tagen habe ich Schwindelgefühle bekommen, nur bei
der Vorstellung, von hier zu fliegen. Und jetzt möchte ich
am liebsten immer weiter hoch. Saki hat das Flugfieber gepackt.
Doch mehr als drei oder vier Flüge pro Übungseinheit
sind nicht drin, da der Marsch den Berg hoch und die Flugvorbereitungen
viel Zeit in Anspruch nehmen. Nach dieser Woche bin ich
topfit! Wenn ich mir überlege, wieviele Höhenmeter ich
hier täglich mache, schnauft er, als er mit seinem
geschulterten Gleitschirm oben ankommt.
Fliegen macht süchtig
Die beiden Fluglehrer sind beliebt bei der Gruppe und besonders
Tommy wird oft gefragt, wenn es um die Freizeitgestaltung geht.
Wo gibt es denn hier ein schönes Schwimmbad? Welche
Höhlen in der Nähe kann man sich anschauen? Und wie
kommen wir dahin? Der 36-jährige weiß nicht nur
auf alles eine Antwort sondern engagiert sich auch in seiner freien
Zeit für die Kursteilnehmer, kommt abends mit zum Grillen
und wird nie müde, Fragen zum Gleitschirmfliegen zu beantworten.
Selbst Flieger seitdem es den Sport gibt, freut ihn die Begeisterung
der Anfänger.

Bei den Starts vom Hang haben die Flieger ihren
Landeplatz im Blick.
Kurvenflüge sind eine neue Herausforderung für die
Teilnehmer: Sie sollen vor der Landung eine Links- und eine Rechtskurve
fliegen. Dabei scheint nicht nur das Timing sondern schon das
Einhalten der Richtung eine Herausforderung. Thomas gibt per Funk
die Anweisungen für den Flug: Jetzt schön links
um die Kurve. Der Pilot fliegt nach rechts. Nein,
nicht dieses links, das andere links, ja genau. Und halt dich
fern von der Botanik. Thomas bringt nichts aus der Ruhe.
Selbst in augenscheinlich recht kritischen Situationen gibt er
schnell und gelassen seine Anweisungen. Wenn die Schüler
sicher gelandet sind, geht er mit ihnen den Flug nochmal durch
und weist sie auf Fehler hin.
Schließlich ist es so weit: Wer möchte, darf von einer
anderen Wiese aus starten, die 110 Meter über dem Tal liegt.
Von dort ist der Landeplatz nicht zu sehen. Tommy wiederholt noch
einmal die Anweisungen für den Start. Ihr müsst
euch vor dem Schlepplift auf der linken Seite in Acht nehmen.
Alles ist besser, als sich in den Stahlseilen oder an den Masten
zu verletzen. Ein leichter Rückenwind vermasselt einigen
den ersten Start, doch beim zweiten Versuch kommen alle sicher
ins Tal. Das war toll. Wirklich aufregend. Aber es ging
viel zu schnell vorbei. Die Begeisterung ist groß.
Jetzt weiß ich, wie es ist, wirklich zu fliegen,
sagt Manuel. Der Musikstudent, der sein Semester in Weimar verbringt,
wohnt in den Ferien bei seinen Eltern ganz in der Nähe der
Flugschule. Er hat sich fest vorgenommen, noch weiter zu üben
und vielleicht irgendwann einmal den nächsten Schein zu machen.
Auch Regina überlegt, ob sie in der Nähe ihres Wohnortes
die Möglichkeit zum Fliegen hat. Saki würde ebenfalls
gerne weitermachen, doch im Ruhrgebiet gibt es zu seinem Bedauern
nicht so viele Möglichkeiten. Christoph wird beauftragt,
sich beim BDKJ für einen Fortgeschrittenenkurs stark zu machen.
Genieß es! Es sind die letzten Sekunden, ruft
Manuel auch dem letzten Piloten zu. Jetzt stehen alle im Tal.
Niemand will wahrhaben, dass der Kurs nun vorbei ist. Niemand
hat richtig Lust, seinen Schirm einzupacken. Sehnsüchtige
Blicke schweifen den Hang hinauf. Nach halblautem Tuscheln macht
Christoph noch einen Versuch, den Fluglehrer zu überreden:
Tommy, können wir jetzt noch einen Flug von ganz oben
machen? Bitte! Tommy, der bereits seit einer halben Stunde
die Devise ausgibt, die Ausrüstung zusammenzupacken, antwortet
zum x-ten Mal: Nein. Du weißt doch: Wenns am
schönsten ist, ist es Zeit aufzuhören.
Stefanie Schneider
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