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Reise 3/2010

Alles kann, nichts muss

So viele Denkmäler und so wenig Zeit. Doch ein Teil der Industriekultur im Ruhrgebiet lässt sich durchaus an einem Wochenende ohne Stress mit dem Rad erfahren – und mit Mut zur Lücke.

Fotos: Kirsten Lange

Gesichter des Ruhrgebiets: Blick vom Dach der Kohlenwäsche der Zeche Zollverein in Essen ...

Samstag, 11:00: Ankunft in der Wiege des Ruhrbergbaus, direkt am Ruhrtalradweg: Im Wittener Stadtteil Bommern nahm 1832 die erste Tiefbauzeche im Revier ihren Betrieb auf. Die Zeche Nachtigall gehörte 1850 mit mehr als 500 Kumpeln zu den größten im Ruhrgebiet. Heute: sattes Grün, Vogelgezwitscher, sonst Stille, friedlicher geht’s kaum. Die extrovertierte Grubenführerin, gelernte Einzelhandelskauffrau und Hobby-Kohlekundlerin, bringt die sechs versprengten Besucher, die sich an diesem trüben Tag bei ihr eingefunden haben, in die niedrigen feuchten Gänge unter Tage. Spannende Einblicke in die lebensgefährliche Arbeitswelt der Kumpels. Anschließend auftauen im Maschinenhaus der Zeche und eine der ältesten Fördermaschinen im Revier von 1887 in Funktion erleben. Gegen 12:30 wieder auf den Fahrradsattel, den Kemnader See entlang, wo die Ruhr zum Naherholungsgewässer aufgestaut wurde. Vorbei an historischen Industrieanlagen wie der Zeche Gibraltar, dem Wasserwerk Stiepel und der Schleuse Blankenstein. Absteigen, Infotafeln lesen, einen Apfel essen, einen Schluck Wasser trinken, weiter.

13:45: Von der Kohleförderung zur Stahlproduktion – die 2004 endgültig stillgelegte Henrichshütte bei Hattingen macht Industriegeschichte lebendig. 10000 Menschen arbeiteten auf dem riesigen Industrieareal. Sie produzierten Koks, Eisen und Stahl, gossen, walzten und schmiedeten das Metall. Gegen großen Widerstand wurde 1987 der letzte Hochofen in Hattingen ausgeblasen. Er ist heute der älteste noch erhaltene Hochofen im Revier. Ein gläserner Aufzug führt auf den 55 Meter hohen Riesen. Die Henrichshütte ist einen Tagesausflug wert. Doch auch zwei Stunden reichen, um zu ermessen, wie das Herz des Ruhrgebiets, die Kohle- und Stahlindustrie, noch bis in die 1980er Jahre hinein pulsierte und die Region prägte. Das Wesen des Reviers wird begreiflich.

... Rindviecher am Ruhrtalradweg ...

16:00: Pfannkuchen-Pause in Hattingen mit seiner intakten mittelalterlichen Altstadt. Für Ruhr.2010 setzt der 60.000-Einwohner-Ort seine Stadtmauer und weitere historische Sehenswürdigkeiten mit Licht in Szene. Die letzten 15 bis 20 Kilometer geht es ohne weitere Pausen auf gut ausgebauten Wegen immer an der Ruhr lang bis nach Essen.

19:00: Ankunft im Kultur- und Tagungshotel Alte Lohnhalle auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Bonifacius in Essen-Kray – das Hotel selbst ist ein Industriedenkmal. Auf dem Zechengelände finden regelmäßig Führungen statt. Dafür reicht die Zeit an diesem Wochenende allerdings nicht. Denn ein Besuch der „schönsten Zeche der Welt“ steht für Sonntag auf dem Plan: des Unesco-Weltkulturerbes Zeche Zollverein. Früher die größte Zeche im Revier, heute eines der imposantesten Industriedenkmäler und Zentrum für Künstler und Kreative.

Sonntag, 9:45: Zwei Regeln gelten für den Besuch der Zeche Zollverein. Erstens: Bring ausreichend Zeit mit. Zweitens: Melde dich für Führungen am Wochenende am besten Wochen im Voraus an. Doch auch wer beide Regeln missachtet, erlebt und erfährt Beeindruckendes und Kurioses über Geschichte und Gegenwart des Reviers. Die Ausstellungen im Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche lassen Besuchern das Ruhrgebiet noch enger ans Herz wachsen. Eine Plattform in 40 Metern Höhe bietet Ausblicke über Essen, Gelsenkirchen, Bochum und Mülheim bis nach Duisburg. Mit dem Rad ist das ausgedehnte Zechengelände schnell im Überblick erkundet.

... Abendstimmung an der Duisburger Ruhrschleuse ...

12:15: Aufbruch gen Mülheim, Oberhausen, Duisburg. Ein Hauch von Naherholung am Essener Baldeneysee. Hier wurde die Ruhr auf einer Länge von acht Kilometern aufgestaut. Das Schloss Baldeney, die mittelalterliche Wasserburg, die dem See seinen Namen gab, ist zu verkaufen, schlichte weiße Zettel mit diesem Hinweis kleben in den Fenstern. Für einen ausführlichen Besuch der Villa Hügel, des ehemaligen Wohn- und Repräsentationshauses der Industriellenfamilie Krupp oberhalb des Sees, fehlt die Zeit. Pause in Essen-Kettwig, in der ebenfalls noch weitgehend intakten Altstadt mit vielen Fachwerkhäusern.

18:00: Mülheim im Schnelldurchlauf. Der Ruhrtalradweg schlängelt sich über das Gelände der ehemaligen Landesgartenschau. Schloss Broich – von außen angeguckt, abgehakt. Die Camera Obscura in einem ehemaligen Wasserturm mit einem Museum zur Vorgeschichte des Films – leider just geschlossen, abgehakt. Das Aquarius Wassermuseum, ebenfalls in einem stillgelegten Wasserturm – auch schon zu, sieht schön aus von außen, abgehakt. Der Abend schreitet voran, und bis Duisburg sind es noch mehr als zehn Kilometer zu strampeln.

19:00: Duisburg, Rheinorange. Eine steife Brise weht um die 25 Meter hohe und sieben Meter breite Skulptur an der Mündung der Ruhr in den Rhein. Das hoffnungsvolle Symbol für Duisburg als den größten Binnenhafen Europas, den, gemäß Selbstbeschreibung, „wichtigsten Stahlstandort Europas“ und „Technologiestandort mit Zukunft“. Ein Beispiel dafür ist der Innenhafen. Er war während der Hochphase der industriellen Revolution länger als ein Jahrhundert der zentrale Hafen- und Handelsplatz. Mitte der 1960er Jahre verlor er an Bedeutung und lag mehr als 20 Jahre brach. Heute haben sich in den teils neu errichteten, teils restaurierten Gebäuden Restaurants, Läden, Museen und internationale Unternehmen niedergelassen. Das Ruhrgebiet ist nicht am Ende, es erfindet sich neu.

Kirsten Lange

... und als Denkmal stehen gelassene Ruinen im Duisburger Innenhafen, heute ein schickes Ausgeh- und Büroviertel.

fairkehr 6/2011



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